House of Cards_Rezi

In Großbritannien stehen die Parlamentswahlen an, bei denen sich letztlich der amtierende Premierminister Henry Collingridge nach einem harten und kräftezehrenden Wahlkampf durchsetzt und für die nächsten Jahre im Amt bestätigt wird. Allerdings muss Collingridge, der seit dem Rücktritt der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher die Konservative Partei des Königreiches anführt, herbe Verluste einstecken und kommt bei der Wahl so gerade eben noch mit einem blauen Auge davon, somit steht der neue und alte Premier aufgrund der nur noch knappen parlamentarischen Mehrheit nun vor einer schwierigen Amtszeit voller Widerstände. Auch sein vielleicht wichtigster Unterstützer, der Fraktionschef Francis Urquhart, ist sich der ungemütlichen Situation der Partei bewusst und rät Collingridge aufgrund des von den Wählern verpassten Denkzettels zu einer Neuausrichtung und einer personellen Umstrukturierung, bei der er auch seine eigenen politischen Ambitionen gerne verwirklichen würde. Der Premierminister ist jedoch anderer Meinung, hält an dem bisherigen Kabinett weitestgehend fest und verwehrt Urquhart damit auch den erhofften Ministerposten, was für diesen wie ein Schlag ins Gesicht ist. Verbittert beschließt Urquhart, sich nicht einfach so abspeisen zu lassen und beginnt ein Netz aus Intrigen zu spinnen, das ihm endlich den verdienten Lohn für seine Arbeit einbringen soll…

Die Romanvorlage zur gleichnamigen US-Hitserie mit Kevin Spacey

Wer sich ein wenig in der internationalen Fernsehlandschaft auskennt, der dürfte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon über die Netflix-Serie „House of Cards“ gestolpert sein, in welcher Hollywoodstar und Oscar-Preisträger Kevin Spacey als intriganter Politiker Frank Underwood die amerikanische Politikszene aufmischt. Bei dem Riesenerfolg der mittlerweile in der vierten Staffel laufenden Drama-Serie gerät manchmal ein wenig in Vergessenheit, dass „House of Cards“ eigentlich nur das US-Remake der gleichnamigen BBC-Serie ist, die wiederum auf der 1989 veröffentlichten Romanvorlage von Michael Dobbs basierte. Dessen „House of Cards“ hat nun mittlerweile auch schon mehr als ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, die jedoch erst kürzlich von Audible produzierte Hörbuch-Umsetzung hat mich aber veranlasst, mir das Vorbild für die US-Serie einmal etwas näher anzuschauen – bzw. anzuhören.

Die Rache eines frustrierten Fraktionschefs an seinem Premierminister

Eines vorweg: Ich habe bisher noch keine Folge der Netflix-Adaption gesehen und kann daher keinen detaillierten Vergleich zwischen Serie und Romanvorlage anstellen, ein großer Unterschied ist jedoch auch ohne Vorkenntnisse offensichtlich: Während Kevin Spacey seine Intrigen rund um das Weiße Haus in Washington, D.C. spinnt, spielt das Buch von Michael Dobbs in Großbritannien, wo der amtierende Premierminister Henry Colingridge gerade mit viel Ach und Krach die Parlamentswahl gewonnen hat und mit knapper Mehrheit im Amt bestätigt wurde. Trotz des Wahlsieges sind sich die britische Öffentlichkeit und große Teile seiner eigenen Partei einig, dass die starken Wahlverluste eigentlich eine Ohrfeige der Wähler sind und die Tories dringend frischen Wind bräuchten, um den Abwärtstrend nicht weiter fortzusetzen – das sieht auch Fraktionschef Francis Urquhart so, seines Zeichens Hauptfigur in Dobbs’ Roman und Mädchen für alles bei der Konservativen Partei. Schlau wie Urquhart ist hat er bei seinen Vorschlägen zur Neugestaltung des Kabinetts auch einen Ministerposten für sich selbst vorgesehen, doch der hadernde und veränderungsscheue Colingridge schmettert die Ideen seiner rechten Hand ohne große Überlegung ab – und Urquharts Rachefeldzug beginnt…

Ein politisches Machtspiel mit blassen Charakteren

Diese Ausgangssituation lässt sich im Prinzip in wenigen Sätzen zusammenfassen, bis die Romanhandlung aber endlich einmal an diesem Punkt angekommen ist, dauert es leider eine ganze Weile, denn Michael Dobbs nimmt sich für die Einführung in seine Geschichte reichlich Zeit. Das ist einerseits nachvollziehbar, weil in einem Politroman wie diesem nun eben auch erst einmal eine Vielzahl an Charakteren und ihre Funktionen vorgestellt werden müssen, in der Praxis ist dies jedoch leider ein wenig zäh, zudem fällt es anfangs nicht immer leicht, den Überblick über all die Namen und politischen Ämter zu behalten. In diesem Wirrwarr verpasst man dann auch fast den Moment, in dem der übergangene Fraktionschef Francis Urquhart seine Intrige startet, was auch daran liegt, dass die Erzählweise von Michael Dobbs insgesamt sehr nüchtern und emotionslos ist. Das fällt leider auch ein wenig auf die Hauptfigur zurück, die trotz aller Machtversessenheit und Skrupellosigkeit genauso blass bleibt wie sein Umfeld, sei es der profillose Premierminister Henry Colingridge oder die aufstrebende Politreporterin Mattie Storin, die von Urquhart unwissentlich als Werkzeug für dessen hinterlistigen Plan missbraucht wird. Natürlich erwarte ich in einem Roman über politische Machtspiele und Intrigen nicht zwingend eine Vielzahl an Sympathieträgern – schließlich hat man es hier überwiegend mit Politikern zu tun, höhö –, trotzdem hatte ich mir zumindest die ein oder andere charismatische Persönlichkeit erhofft, die eben auch ihre Ausstrahlungskraft zur Manipulation einsetzen kann, doch leider hatte für mich keiner der Charaktere eine derartige Strahlkraft.

Ein etwas angestaubter Polit-Krimi mit fehlender Raffinesse

Ähnlich ernüchternd ist leider auch die Story selbst, denn so wirklich raffiniert ist die Intrige, mit der Fraktionschef Urquhart sein Karriereziel verfolgt, nun wirklich nicht. Hier mal ein geschickt platzierter Nadelstich gegen die Konkurrenz in der Presse, dort eine kleine Erpressung mittels eines unangenehmen Filmchens – irgendwie hat man das alles so schon in unzähligen Politthrillern gesehen oder gelesen. Nun muss man dem Autor zwar zugute halten, dass sein Roman natürlich inzwischen schon fast drei Jahrzehnte auf dem Buckel hat, trotzdem hätte ich mir von jemandem, der wie Dobbs in seiner aktiven politischen Karriere unter anderem als Berater für Ex-Premierministerin Margaret Thatcher gearbeitet hat und damit Einblick in die höchsten Kreise der britischen Regierung hatte, doch einfach ein wenig mehr Komplexität und nicht nur eine oft etwas plumpe Schlammschlacht aus dem Verborgenen. Daher bin ich nach der Lektüre noch unentschlossen, ob ich mir auch noch die beiden Nachfolgebände zu Gemüte führen werde oder es nicht doch lieber sofort mit Kevin Spacey und der Netflix-Serie probiere. Zum Schluss noch ein Wort zu Hörbuchsprecher Erich Räuker: Dieser passt mit seiner tiefen, markanten Stimme gut zum Thema und füllt die Geschichte souverän mit Leben, allerdings bekommt er von der insgesamt eher drögen Vorlage aber auch leider kaum Gelegenheit, sich besonders auszuzeichnen.

House of Cards (Francis Urquhart #1)
  • Autor:
  • Sprecher: Erich Räuker
  • Original Titel: House of Cards
  • Reihe: Francis Urquhart #1
  • Länge: 12 Std. 17 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 18. Februar 2016
  • Preis 19,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Michael Hobbs’ Polit-Klassiker „House of Cards“ bietet in der Hörbuch-Neuauflage auch 27 Jahre nach der erstmaligen Veröffentlichung noch interessante Einblicke in Machtspiele und Intrigen der britischen Regierungskreise, leidet aber unter einer weitestgehend blassen Hauptfigur und der doch etwas zähen Story, welcher es insgesamt schlicht ein wenig an Raffinesse mangelt.

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