Wer war Alice_Rezi

Mit nur 25 Jahren findet das Leben von Alice Salmon ein viel zu frühes Ende: Eines Morgens wird die Leiche der jungen Journalistin in ihrer Heimatstadt Southampton aus dem Fluss gefischt, die Umstände ihres tragischen Todes geben der Polizei und den Angehörigen des Opfers jedoch große Rätsel auf. Anzeichen für ein Fremdverschulden gibt es keine und Alice wurde von ihrem Umfeld auch als alles andere als lebensmüde empfunden, sodass ein Suizid ebenfalls unwahrscheinlich scheint – offenbar hatte die junge Frau einfach nur zu viel Alkohol konsumiert und ist anschließend in völlig betrunkenem Zustand von der nur unzureichend gesicherten Brücke gestürzt. Die Tragödie um Alice Salmon löst ein großes Medienecho aus, doch vor allem einen ihrer ehemaligen Uni-Professoren lässt der Tod seiner früheren Studentin nicht los: Erschüttert setzt der Anthropologe Jeremy Cooke alles daran, die Umstände von Alices Tod lückenlos aufzuarbeiten und ist dabei fest entschlossen, das Andenken an die junge Frau für die Nachwelt zu bewahren, indem er alle Spuren sammelt, die Alice in ihrem kurzen Leben in der Welt hinterlassen hat…

Vom Tweet zum Bestseller

Ein harmloser Tweet, in dem jemand in den unendlichen Weiten des Internets darüber nachdenkt, welches Lied auf der eigenen Beerdigung gespielt werden soll – und die Idee zu einem heute international erfolgreichen Bestseller ist geboren. So ging es im Jahr 2012 dem Journalisten Tim Relf, als er seine Twitter-Timeline durchscrollte, an eben jenem Tweet hängenblieb und sich daraufhin fragte, was man eigentlich alles über einen Menschen über soziale Netzwerke und andere öffentliche Quellen herausfinden könnte. Was zunächst vielleicht ein wenig verstörend und nach unheimlichem Stalking klingt, war in diesem Fall jedoch die Geburt des Romans „Wer war Alice“, den Relf nun rund vier Jahre später unter dem Pseudonym T.R. Richmond veröffentlicht hat. Ausgangsidee der Geschichte ist dabei der rätselhafte Tod der jungen Journalistin Alice Salmon, die mitten in der Nacht im englischen Southampton von einer Brücke in den Fluss gestürzt und ertrunken ist und im Alter von nur 25 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. Geschockt von dem frühen Tod seiner ehemaligen Studentin beginnt ein ehemaliger Professor der Verstorbenen, Alices Leben detailliert aufzuarbeiten – zugegeben eine ziemlich ungewöhnliche und eigentlich auch recht gruselige Art der Trauerarbeit (ich würde nicht wollen, dass irgendwann mal einer meiner Lehrer meinen Online-Datenmüll durchforstet…), aber irgendwie muss diese Geschichte ja einen Anfang finden.

Welche Spuren hinterlässt ein Mensch nach seinem Tod?

Das Besondere an „Wer war Alice“ ist jedoch, dass es eigentlich gar keine Geschichte im herkömmlichen Sinne gibt, sondern dieser Roman vielmehr eine Art Chronik ist, die ausschließlich aus Dokumenten wie Tagebucheinträgen, Zeitungsberichten, Briefen, E-Mails, Blogeinträgen, SMS-Protokollen oder Twitter-Konversationen besteht – ein origineller und durchaus vielversprechender Erzählansatz. Trotz der vielen verschiedenen Puzzleteile kristallisieren sich dabei jedoch schnell zwei Hauptfiguren der Erzählung heraus: zum einen die verstorbene Alice Salmon, die überwiegend anhand von Ausschnitten aus ihrem Tagebuch oder durch von ihr verfasste Zeitungsartikel wieder zum Leben erweckt wird, sowie ihr ehemaliger Uni-Professor Jeremy Cooke, der in Briefen an einen alten Freund von seiner Arbeit an der „Alice-Chronik“ berichtet. So entsteht nicht nur ein recht umfassendes Porträt der Toten, sondern es werden vor allem durch die nachdenklichen Ausführungen des Professors für einen Spannungsroman ungewöhnlich ernste Denkanstöße geliefert, die sich weitestgehend darum drehen, was wir nach unserem Tod eigentlich hinterlassen und wie viel man anhand der Informationen, die wir zu einem großen Teil selbst im Internet über uns Preis geben, über den Menschen hinter den Tweets, Blogeinträgen oder Facebook-Updates herausfinden kann. Das ist recht interessant und verleiht Richmonds Werk auf jeden Fall schon einen einen gewissen Orginalitäts-Bonus.

Interessantes Konzept, bei dem die Spannung jedoch auf der Strecke bleibt

Allerdings wird auch früh klar, warum der herausgebende Goldmann-Verlag „Wer war Alice“ nicht als Thriller bewirbt, sondern sich ein eher zurückhaltendes „Roman“ auf dem Buchcover versteckt, denn das Buch hat ein ganz großes Manko: Es kommt fast im gesamten Verlauf nahezu überhaupt keine Spannung auf. Die gerade anfangs doch sehr mysteriösen Umstände um Alices tragisches Ertrinken spielen insgesamt eine weitestgehend untergeordnete Rolle, sodass hier schlicht und einfach ein packendes Rätsel als Aufhänger der Geschichte fehlt. Vor allem die elendig langen und häufig sehr philosophischen Ausführungen des Anthropologen Cook fallen oft ziemlich geschwätzig und langatmig aus, sodass meist kein wirklicher Erzählfluss aufkommen will. Erst in den letzten 1-2 Stunden nimmt „Wer war Alice“ wieder ein wenig Fahrt auf und kann mit einem unerwarteten Ende auch einen durchaus versöhnlichen Abschluss liefern, ingesamt bleibt aber letzten Endes der Eindruck, dass mit diesem eigentlich spannenden Konzept weitaus mehr drin gewesen wäre. Zudem ist es mir trotz der durchaus vielschichtigen Ausarbeitung der Hauptfiguren oft schwergefallen, eine Beziehung zu den Charakteren aufzubauen, obwohl man gerade durch die Briefe und Tagebucheinträge viel über deren Gedankenwelt erfährt – trotzdem fällt es häufig schwer, echte Sympathien für die Beteiligten zu entwickeln.

Durchwachsener Doku-Krimi in guter Hörbuch-Umsetzung

Einen dicken Pluspunkt gibt es aber noch für die Hörbuchfassung des Romans, die passend zu den verschiedenen Erzählfragmenten gleich mit einer ganzen Riege an Sprechern aufwarten kann. Besonders die beiden Hauptrollen sind mit Josefine Preuß als Alice Salmon und Walter Kreye als Professor Cooke hochkarätig besetzt, doch auch bei den Nebenfiguren darf man sich über prominente Sprecher wie Stefan Kaminski oder Regina Lemnitz freuen. So hat das Hörbuch meiner Meinung nach einen klaren Vorteil gegenüber der gedruckten Fassung, da der Roman durch die engagierten Lesungen der Sprecher deutlich lebhafter wirkt und diese über so manche Länge des Buches hinwegtäuschen. Und wer von dem Konzept gar nicht genug bekommen kann, für den gibt es online sogar eine Facebook-Seite der fiktiven Alice Salmon sowie einen Twitter-Account und einen Tumblr-Blog von Professor Cooke zum Stöbern.

Wer war Alice
  • Autor:
  • Sprecher: Josefine Preuß, Walter Kreye, Regina Lemnitz, Tanja Fornaro, Jacob Weigert, Stefan Kaminski
  • Original Titel: What She Left
  • Länge: 12 Std. 34 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Hörverlag
  • Erscheinungsdatum: 26. Februar 2016
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
6/10
Fazit:
T.R. Richmonds Doku-Krimi "Wer war Alice" punktet mit einem interessanten Konzept und regt durch die oft philosophischen Ausführungen zum Nachdenken an, allerdings vermag durch die praktisch nicht existente Story und die unterkühlten Charaktere leider bis kurz vor Schluss kaum Spannung aufzukommen – dafür kann aber die hochkarätige Sprecherriege der Hörbuchfassung voll überzeugen.

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