Freiheit_Rezi

Walter und Patty Berglund waren viele Jahre lang das, was man wohl eine amerikanische Vorzeigefamilie nennt: Das Paar kennt sich seit gemeinsamen Collegezeiten und hat nach seinem Umzug nach St. Paul in Wisconsin viel für den Aufbau des Viertels getan – so war die zehn Jahre lange währende Renovierung einer heruntergekommenen alten Villa wie ein Startschuss für die Stadt, die sich mitgerissen vom unermüdlichen Arbeitseifer der Berglunds prächtig entwickelt hat. Trotz ihrer Vorreiterrolle in der Stadt sind Walter und Patty jedoch stets auf dem Boden geblieben und nahezu ein Musterbeispiel für perfekte Nachbarn: Während die stets freundliche Patty für jeden ein offenes Ohr hat und mit ihrer offenen Art ein nicht wegzudenkender Teil des Gemeindelebens ist, versucht Familienmensch Walter in seiner Tätigkeit als Anwalt für Umweltrecht jeden Tag ein wenig die Welt zu verbessern und geht auch abseits der Arbeit mit gutem Beispiel voran. Plötzlich bekommt die heile Fassade der Familienidylle der Berglunds jedoch immer mehr Risse: Sohn Joey entfremdet sich zunehmends von seinen Eltern, Walter handelt beruflich scheinbar entgegen seiner Prinzipien und auch Patty verhält sich zunehmend seltsam und stellt das Eheleben auf eine harte Probe…

Die scheinbar perfekte amerikanische Familienidylle als reine Illusion?

Es gibt Romane, bei denen kann man vor, während und nach der Lektüre gar nicht so genau sagen, worum es in der erzählten Geschichte eigentlich geht – und zu diesen Romanen zählt für mich auch eindeutig Jonathan Franzens 736-Seiten-Wälzer „Freiheit“. Während das Feuilleton dem Buch bei seinem Erscheinen im Jahr 2010 fast so ungeduldig entgegengefiebert hat wie die Harry-Potter-Generation jedem neuen Band um J.K. Rowlings Zauberlehrling, dürfte das Werk in der Buchbloggerszene wohl kaum für vergleichbare Reaktionen gesorgt haben – dafür wirkt alleine schon die Inhaltsbeschreibung viel zu dröge. Im Zentrum des Romans steht jedenfalls die Familie Berglund, bestehend aus den vermeintlichen Vorzeigeeltern Walter und Patty und ihren beiden Kindern Joey und Jessica. Zusammen ergeben die vier nach außen hin die amerikanische Bilderbuch-Familie: Ein unzertrennliches Paar – der eine als Umweltanwalt sowohl erfolgreich als auch respektiert, die andere eine tadellose Hausfrau und Zentrum des Gemeindelebens – und dazu noch mit zwei intelligenten und wohlerzogenen Kindern gesegnet, denen eine glorreiche Zukunft schon in die Wiege gelegt zu sein scheint.

Jonathan Franzen als messerscharfer und oft zynischer Beobachter

Hinter dieser Hochglanz-Fassade ist aber nichts so perfekt wie es scheint, doch bis die dunklen Geheimnisse und unangenehmen Missstände der Familie Berglund aufgedeckt werden, muss man als Leser eine Menge Geduld mitbringen, denn „Freiheit“ ist wahrlich alles andere als ein einfacher Roman und keine leichte Lektüre. Das beginnt schon bei der nicht immer linearen Erzählstruktur der Handlung, denn Jonathan Franzen nimmt mit seinem ersten Absatz den Niedergang der Berglunds erst ein wenig vorweg, bevor er die Geschichte anschließend von hinten aufrollt. Das geschieht zu großen Teilen in Form der fiktionalen Autobiographie von Patty Berglund, welche diese „auf Vorschlag ihres Therapeuten“ verfasst hat und nun praktisch als Buch im Buch zum Besten gibt. Und diese Beichte ist wahrlich keine leichte Kost, sondern nimmt die Vergangenheit Pattys und Walters über rund drei Jahrzehnte hinweg aufs genaueste auseinander, bevor nach rund einem Drittel die Sichtweise wechselt und vorrangig die jüngere Vergangenheit der Berglunds beleuchtet wird. „Freiheit“ folgt zwar grob einer chronologischen Zeitlinie von den 1980er-Jahren bis hinein in die Gegenwart, streift dabei neben familiären Krisen aber auch immer wieder politische und gesellschaftliche Ereignisse wie die Amtszeit Ronald Reagans oder die Terroranschläge des 11. Septembers. Franzen scheint ständig ein wenig chaotisch von Höcksken auf Stöcksken zu springen, erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als messerscharfer Beobachter, der nicht nur die Berglunds, sondern auch die amerikanische Gesellschaft im Allgemeinen auf schonungslose und oft sogar zynische Weise richtiggehend seziert und immer wieder den Finger in offene Wunden legt.

Eine detaillierte und anspruchsvolle, aber recht emotionslose Familiengeschichte

Auch wenn sich die Daseinsberechtigung einer scheinbar solch banalen Familiengeschichte lange Zeit nicht unbedingt erschließt und man sich schon fragt, was Jonathan Franzen mit diesem Roman eigentlich aussagen möchte, so erwischt man sich jedoch mit fortschreitender Zeit dabei, dass man immer mehr von dem Leben der Familie Berglund angezogen wird – hat man sich erst einmal mühsam in das Buch hineingearbeitet, will man irgendwie auch wissen wie sich die oft sehr komplizierten Beziehungen der Charaktere untereinander entwickeln. Allerdings hat „Freiheit“ für mich ein großes Manko: Der Roman ist zwar stilistisch stark und trumpft mit einer schonungslosen Ehrlichkeit auf, allerdings bleibt die Geschichte während der gesamten 736 Seiten ziemlich emotionslos und unterkühlt. Obwohl man nach und nach die intimsten Geheimnisse der Charaktere kennt, fällt es dennoch schwer, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen, weil ihre Betrachtung in der Regel sehr distanziert und nüchtern ausfällt – und da sich in diesem Buch nun einmal alles um diese Figuren dreht, ist dies für mich schon ein nicht unerhebliches Manko. So fällt die abschließende Betrachtung von „Freiheit“ nicht ganz leicht: Ein Roman für die breite Masse ist Jonathan Franzens Werk mit Sicherheit nicht, wer aber ein Faible für anspruchsvolle Familiengeschichten hat, dürfte mit dieser Lektüre wohl voll auf seine Kosten kommen.

Freiheit
  • Autor:
  • Original Titel: Freedom
  • Umfang: 736 Seiten
  • Verlag: Rowohlt
  • Erscheinungsdatum: 8. September 2010
  • Preis Geb. Ausgabe 24,95 €/TB 10,99 €/eBook 9,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Jonathan Franzen erzählt in seinem Roman „Freiheit“ die messerscharf beobachtete und entlarvend detailliert beschriebene Geschichte einer vermeintlichen amerikanischen Vorzeigefamilie, die trotz der sorgsam analysierten Charaktere jedoch ernüchternd unterkühlt bleibt und durchgängig emotionale Nähe vermissen lässt.

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