Ich vermisse dich_Rezi

18 Jahre ist es nun her, dass das Leben von Kat Donovan eine dramatische Wendung nahm. Damals wurde nicht nur ihr Polizistenvater in der Ausübung seines Dienstes ermordet, sondern sie verlor wenig später auch noch die große Liebe ihres Lebens, die sich kurz vor der geplanten Hochzeit ohne ein Wort der Erklärung von ihr getrennt hatte. Seitdem hat Kat keine ernsthafte Beziehung mehr geführt, sondern sich voll und ganz auf ihre Karriere als Detective beim New York Police Department konzentriert – sehr zum Leidwesen ihrer besten Freundin Stacy, die sich seit Jahren wieder vergeblich einen Mann an Kats Seite wünscht. Deshalb setzt sie Kat schließlich vor vollendete Tatsachen und meldet ihre Freundin bei einem Online-Datingportal an. Nach anfänglicher Abneigung lässt sich Kat schließlich auf das Abenteuer ein und stößt dabei zu ihrer großen Überraschung auf das Profil von Jeff – dem Mann, der ihr vor so vielen Jahren das Herz gebrochen hat. Diese Entdeckung stürzt Kat in ein kleines Gefühlschaos und sie ist hin- und hergerissen, ob sie einen erneuten Anlauf auf eine glückliche Beziehung mit Jeff wagen soll. Als dieser dann aber ausgerechnet in einen ihrer aktuellen Fälle verwickelt zu sein scheint, muss sie sich dem Gedanken stellen, dass Jeff vielleicht gar nicht der Mensch ist, für den sie ihn all die Jahre lang gehalten hat…

Romantische Liebesschnulze oder knallharter Thriller?

„Ich vermisse dich“ – bei solch einem Buchtitel denkt man vermutlich eher an an einen kitschig-romantischen Nicholas-Sparks- oder Cecilia-Ahern-Roman statt an ein Werk von Bestseller-Autor Harlan Coben, dennoch bleibt dieser auch mit seinem neuen Buch seinem Stil treu und präsentiert seinen Lesern einen weiteren in New York angesiedelten Thriller. Allerdings dauert es diesmal eine Weile, bis dieser auch tatsächlich als solcher erkenntlich ist, denn zunächst beginnt „Ich vermisse dich“ tatsächlich ein wenig wie ein schmalziger Liebesroman: Polizistin Kat Donovan ist seit der überraschenden und nach wie vor nicht ganz überwundenen Trennung von ihrer großen Liebe vor fast zwei Jahrzehnten abgesehen von ein paar unbedeutenden kurzen Affären überzeugter Single und hat die Hoffnung auf familiäres Glück eigentlich schon aufgegeben – stattdessen stürzt sich Kat mit vollem Einsatz in die Arbeit und ihren Aufstieg bei der New Yorker Polizei. Dazu gesellt sich dann die obligatorische beste Freundin, die Kat hinterrücks bei einer Online-Partnerbörse anmeldet und sie so endlich einmal verkuppeln will. Dort stößt Kat natürlich zufällig auf was? Richtig, das Profil ihrer großen Liebe Jeff. Spätestens an dieser Stelle sind dann mir Bedenken aufgetreten, ob Harlan Coben nicht vielleicht doch das Erzählen der ewig gleichen (aber stets unterhaltsamen) Vermissten- und Vergangenheitsbewältigungs-Storys leid geworden ist und einen Ausflug ins romantische Fach gewagt hat, zumal sich lange Zeit auch kein wirklicher Kriminalfall andeutet, in dem Kat Donovan früher oder später ermitteln müsste. Einzig die Entwicklung, dass der Mörder ihres vor 18 Jahren getöteten Vaters im Gefängnis kurz davor steht, den Löffel abzugeben und damit möglicherweise wichtige Informationen mit ins Grab nimmt, lässt in der Anfangsphase auf ein wenig Spannung hoffen.

Zu viel Story, zu wenig Glaubwürdigkeit

Was Harlan Coben zu Beginn etwas vermissen lässt, holt er dann aber im Mittelteil umso energischer nach. Plötzlich ergibt sich Handlungsstrang um Handlungsstrang: Zu dem offenbar nicht ganz lückenlos aufgeklärten Mord an Kats Vater und den romantischen Internet-Abenteuern der Polizistin gesellen sich nach und nach eine Vermissten-Story (der Autor kann anscheinend einfach nicht ohne…), ein skrupelloser Serienkiller, ein möglicher Korruptionsskandal beim NYPD, ein Familiendrama und weitere kleine Nebenkriegsschauplätze. Coben gelingt es zwar, diese vielen Puzzleteile auf spannende Weise miteinander zu verknüpfen und er leistet sich in der Konstruktion seiner komplexen Story auch keine augenscheinlichen Patzer, allerdings kann man nur schwer das Gefühl abschütteln, dass dieser Thriller einfach zu vollgepackt ist. Es wäre noch halbwegs glaubwürdig, wenn sich diese verschiedenen Geschichten auf mehrere klare Nebenhandlungen verteilen würde, allerdings dreht sich hier wirklich alles früher oder später um die Figur von Kat Donovan – und da ist es nun einmal vorsichtig ausgedrückt höchst unwahrscheinlich, dass zeitgleich mit neuen Entwicklungen im Mordfall ihres Vaters plötzlich ihre alte Liebe wieder auftaucht, diese dann auch noch in eine ihrer Ermittlungen verwickelt wird und so weiter und so fort. Hier wird der Zufall wiederholt überstrapaziert, so dass man hin und wieder um ein gewisses Augenrollen nicht umher kommt.

Trotz kleiner Schwächen letztlich doch ein gewohnt spannender Coben-Thriller

Ebenso wenig lässt sich aber auch leugnen, dass „Ich vermisse dich“ trotz aller fragwürdiger Zusammenhänge nun einmal dennoch ziemlich packend und abwechslungsreich ist und sich die Spannung abgesehen von der etwas schleppend verlaufenden Anfangsphase durchgängig auf einem guten Level bewegt. In der Hörbuchfassung kommt noch dazu, dass auch Sprecher Detlef Bierstedt als alter Harlan-Coben-Veteran wieder einmal einen guten Job macht, wenn man von der etwas nervigen und viel zu überspitzten Interpretation von Kats schwulem Yoga-Lehrer einmal absieht. Man könnte Coben vielleicht noch vorwerfen, dass er auch diesmal nur eine Variation seiner typischen Standard-Story abliefert – allerdings sollte man zum einen nach gefühlt unzähligen Thrillern mittlerweile darauf vorbereitet sein, zum anderen erzählt der Autor diese Geschichten aber eben auch mit einer sehr souveränen Routine, sodass seine Bücher letztlich doch immer wieder interessant und unterhaltsam sind. So ist eben auch „Ich vermisse dich“ wieder ein sehr solider Thriller geworden, der genau das bietet was man als Coben-Fan erwartet – nicht mehr und nicht weniger.

Ich vermisse dich
  • Autor:
  • Sprecher: Detlef Bierstedt
  • Original Titel: Missing You
  • Länge: 13 Std. 43 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Hörverlag
  • Erscheinungsdatum: 23. März 2015
  • Preis MP3-CD 11,99 €
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Auch mit „Ich vermisse dich“ bleibt Harlan Coben seinem Erfolgskonzept treu und wühlt wieder auf spannende Weise in der Vergangenheit seiner Protagonistin, strapaziert dabei aber das ein oder andere Mal zu häufig das Element des Zufalls und muss so Abstriche bei der Glaubwürdigkeit seiner komplexen und nichtsdestotrotz packenden Story hinnehmen.

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