Zerrissen_Rezi

Dave Evans ist als Neurochirurg einer der besten Vertreter seines Fachs und steht kurz vor dem absoluten Höhepunkt seiner Ärztelaufbahn: In wenigen Tagen soll der mächtigste Mensch der Welt auf seinem Operationstisch liegen und Dave hat als leitender Chirurg bei diesem Eingriff die Hauptverantwortung über das Leben des Präsidenten der Vereinigten Staaten. Seit Wochen wurde die Operation von der Klinik in Zusammenarbeit mit dem Secret Service bis ins kleinste Detail geplant, um die OP vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten und die Sicherheit des Präsidenten zu gewährleisten. Als dann aber Daves 7-jährige Tochter Julia plötzlich entführt wird, droht der ohnehin schon brisante Eingriff in einer Katastrophe zu enden. Julias Kidnapper verlangt nämlich kein Lösegeld, sondern verfolgt mit der Tat einen teuflischen Plan und lässt Dave nur eine Möglichkeit, seine Tochter lebend wiederzusehen: Er muss dafür sorgen, dass der US-Präsident die anstehende Operation nicht überlebt…

Die Ermordung des US-Präsidenten als Austausch für das Leben des eigenen Kindes

Was mich an Juan Gómez-Jurados neuem Roman „Zerrissen“ auf Anhieb fasziniert hat, war die dramatische Ausgangssituation der Geschichte: Als wäre die „normale“ Entführung eines kleinen Kindes nicht schon spannend genug, so geht es diesmal nicht um eine übliche Lösegeldforderung, sondern darum, dass der Vater des Mädchens zum Mörder werden muss, um seine Tochter leben wiederzusehen – und sein potenzielles Opfer ist ausgerechnet der mächtigste Mensch der Welt, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Da trifft es der deutsche Titel des Buches zur Abwechslung einmal perfekt, denn Neurochirurg Dave Evans, der Protagonist der Geschichte, ist innerlich fast schon mehr als zerrissen und in einem schier ohnmächtig machenden Gewissenskonflikt: Zum einen würde er alles tun, um seine Tochter aus den Händen ihres Entführers zu befreien, zum anderen würde er dabei aber nicht nur seine Berufung als Arzt verraten und auf die schlimmste Weise gegen den hippokratischen Eid verstoßen, sondern wohl auch zum meistgehassten Mann der Welt werden. Für Dave eine geradezu ausweglose Situation, denn die Forderung des Kidnappers macht ein Happy End ausgeschlossen: Entweder stirbt die kleine Julia, oder der Chirurg steuert als Mörder des amerikanischen Staatsoberhauptes zielsicher auf die Todesstrafe hin.

Stark ausgearbeitete Hauptfigur mit glaubwürdigen Beweggründen

Nun könnte man vielleicht die Befürchtung haben, dass ein erfolgreicher (und gut verdienender) Neurochirurg vielleicht nicht gerade der größte Sympathieträger für eine derartige Geschichte ist und es möglicherweise schwerfallen könnte, sich mit Dave Evans zu identifizieren – zumal früh deutlich wird, dass sich der Arzt trotz der bedingungslosen Liebe zu seiner Tochter oft zu wenig Zeit für sein Kind nimmt und der Beruf meist an erster Stelle steht. Juan Gómez-Jurado schafft es aber, seinen Protagonisten sehr menschlich darzustellen und arbeitet mit einigen eingestreuten Rückblenden immer wieder gekonnt an dessen Charakterzeichnung: Man erfährt, wie aus einem rebellischen Waisenkind ein im ganzen Land anerkannter Chirurg wurde, wie Dave seine Frau kennenlernte oder auch welchen schlimmen Schicksalsschlag er in seinem Leben verarbeiten musste. Dadurch kann man sich sehr gut in die Hauptfigur hineinfühlen und nimmt so auch seine ausweglose Situation noch intensiver wahr.

Zwar kein nervenzerfetzender, aber dennoch ein sehr packender Thriller

„Zerrissen“ ist trotz aller Dramatik und Brisanz des Szenarios aber kein Thriller, der ein atemberaubend hohes Tempo vorlegt. Einen Großteil der Spannung bezieht Juan Gómez-Jurados Werk nun mal ganz eindeutig aus der Ausgangssituation der Geschichte und dem ständig präsenten Countdown bis zu schicksalhaften Operation des Präsidenten sowie der Frage, ob und wie zur Hölle Dave aus seiner misslichen Lage halbwegs glimpflich davonkommen kann – zumal der Autor ganz zu Anfang bereits einen möglichen Verlauf der Handlung andeutet, was der Story nochmal einen zusätzlichen Reiz verpasst. Dass „Zerrissen“ aber eher wenig auf tatsächlichen Nervenkitzel oder packende Actionszenen setzt, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Geschichte selbst langweilig oder vorhersehbar ist, denn Juan Gómez-Jurado hat seinem Protagonisten bis zur OP noch einige Hindernisse in den Weg gelegt, die ihm das Leben zusätzlich schwer machen. Dabei ist das Buch zwar nicht immer hundertprozentig glaubwürdig und man wundert sich zuweilen schon über die manchmal doch etwas sorglos erscheinenden Sicherheitsmaßnahmen rund um einen solchen operativen Angriff und auch die Tatsache, dass Daves Schwägerin und einzige Verbündete Kate zufällig Agentin des Secret Services ist erscheint doch ein wenig konstruiert, aber solche schriftstellerischen Freiheiten muss man dem Autor bei einem in erster Linie auf spannende Unterhaltung ausgelegten Thriller wohl zugestehen. Mir hat die Geschichte jedenfalls durchgängig gut gefallen und mich zu jedem Zeitpunkt gepackt, woran auch Heikko Deutschmann als Sprecher der Hörbuchfassung einen nicht unwesentlichen Anteil hatte. Manchmal hätte ich mir stimmlich zwar eine etwas deutlichere Abgrenzung der einzelnen Charaktere gewünscht, insgesamt ist Deutschmanns Lesung aber sehr mitreißend und passt auch gut zur Hauptfigur. Kurz gesagt: Ein rundum gelungenes und packendes Hörerlebnis!

Zerrissen
  • Autor:
  • Sprecher: Heikko Deutschmann
  • Original Titel: El Paciente
  • Länge: 12 Std. 52 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Audio Verlag
  • Erscheinungsdatum: 1. Mai 2015
  • Preis MP3-CD 15,99 €
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
8/10
Fazit:
Juan Gómez-Jurado hat mit „Zerrissen“ einen packenden Thriller hingelegt, der alleine schon mit seinem brisanten Ausgangsszenario jede Menge Spannung aufbaut, dieses Potenzial mit einer spannenden Geschichte und einer glaubwürdigen Hauptfigur aber auch gekonnt ausnutzt.

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