More than this_Rezi

Ein Junge kämpft im Meer verzweifelt gegen die Wellen an, doch mit jeder Minute im eisigen Wasser verlassen ihn immer mehr seine Kräfte. Panisch versucht er, seinen Kopf über die Wasseroberfläche zu bringen, doch gegen die Gewalt des Ozeans ist er machtlos. Er realisiert, dass er in diesem Moment sterben wird, ganz alleine im Meer vor der verlassenen Küste. Ein letztes Aufbäumen gegen das drohende Schicksal, bis die Strömung den Jungen schließlich gegen einen Felsen schleudert und er an einer schweren Kopfverletzung stirbt. Doch der Tod ist nicht das Ende, denn zu seiner großen Überraschung schlägt der Junge wenig später die Augen auf und findet sich in einem kleinen Vorort wieder – nackt und nur mit einigen seltsamen Bandagen bekleidet. Als er sich verwundert umblickt, stellt er fest dass er nicht nur offenbar ganz alleine in der Stadt ist, sondern dass der verlassene und dem Zerfall überlassene Ort wohl schon seit geraumer Zeit keine Menschenseele mehr beheimatet hat…

Der Tod ist nur der Anfang

Es gibt Bücher, die fangen mit Sicherheit optimistischer an als „More than this“ von Patrick Ness, denn bereits auf der dritten Seite stirbt dessen Protagonist einen äußerst unschönen und einsamen Ertrinkungstod. Und was danach folgt, ist nicht etwa die Vorgeschichte zu diesem tragischen Ereignis, sondern spielt sich alles im Anschluss an den Tod des Jungen ab. Dieser wacht nämlich nicht nur zur Überraschung der Leser, sondern auch zu seiner eigenen Verwunderung wenig später wieder auf, befindet sich aber nicht nur weit vom Ozean entfernt, sondern wie es aussieht in einem völlig verstörenden Szenario: Er ist allein, kann sich nicht einmal an seinen eigenen Namen erinnern und seine neue Umgebung gibt ihm ein Rätsel nach dem nächsten auf. Hat er das Unglück im Meer vielleicht doch überlebt, schwebt er möglicherweise gerade zwischen Leben und Tod oder befindet er sich in seiner ganz persönlichen Hölle? Patrick Ness legt mit dem Anfang von „More than this“ nun wahrlich kein atemberaubendes Tempo vor, dennoch ist man schon nach wenigen Seiten mitten in der Geschichte und kann sich ohne Probleme in die Hauptfigur hineinversetzen – denn sowohl Protagonist als auch Leser starten praktisch am gleichen Ausgangspunkt: Verstört, völlig ahnungslos und ohne bewusste Vorgeschichte zu diesem absurden Szenario.

Verstörend surreal und mit faszinierender Sogwirkung

Dieser sehr surreale Beginn wirft unzählige Fragen auf, doch statt zumindest einige der offensichtlichen davon zu beantworten, wird „More than this“ mit jeder Seite eigentlich nur noch mysteriöser. Man fühlt sich phasenweise fast wie in einem Roman von Franz Kafka versetzt und hat einfach keine Ahnung, was um einen herum passiert. Patrick Ness spielt hier sehr geschickt mit den Gedanken der Lesern und hat mich bei der Lektüre des öfteren fast in den Wahnsinn getrieben. Es mag für viele sicherlich sehr unbefriedigend sein, dass der Autor lange Zeit überhaupt keine Antworten liefert, Geheimniskrämerei in Perfektion betreibt und fast alle Schlussfolgerungen der Fantasie seiner Leser überlässt, doch gerade solche Geschichten sind es, die mich am meisten faszinieren und in den Bann ziehen. Es ist einfach nahezu unmöglich, das Buch aus der Hand zu legen, weil man verzweifelt hinter jedem neuen Kapitel zumindest ein wenig Aufklärung erhofft, und wenn Patrick Ness dann doch einmal ein wenig Licht ins Dunkel bringt, ist man oft so geplättet, dass man erst recht keine Pause einlegen kann und schon nach den nächsten Antworten suchtet.

Eine einzigartige Geschichte, die noch eine Weile nachwirkt

Ich weiß gar nicht genau was ich im Vorfeld der Lektüre erwartet hatte, doch mit Sicherheit in keinster Weise das, was „More than this“ letztlich geboten hat. Am ehesten meiner Erwartungshaltung haben wohl noch die sparsam platzierten Rückblicke in die Vergangenheit des Protagonisten entsprochen, die mit ihren oft sehr tragischen Contemporary-Elementen wohl noch das gewöhnlichste an diesem Buch sind. Der Rest ist ein unkonventioneller, einzigartiger und ungemein faszinierender Mix aus fesselnder Dystopie, surrealem Mystery-Thriller und teilweise sogar überraschend rasanter Science-Fiction-Action. Für einen YA-Roman ist Ness’ Geschichte darüber hinaus auch unerwartet philosophisch und wirft immer wieder die Frage auf, ob es nicht noch mehr zu entdecken gibt, als uns unser gewohntes Leben bietet – eben die Suche nach dem titelgebenden „More than this“. Und wie man an den Erlebnissen des Protagonisten erkennen kann, ist diese Suche eben manchmal auch sehr schmerzhaft und tragisch, was Patrick Ness hier sehr eindringlich und anhand einiger sehr bedrückender Szenen darstellt. Das Ende des Romans wird die Leser aber vermutlich in zwei Lager spalten, denn der Autor lässt zum Schluss noch sehr viel Spielraum zur Interpretation der Handlung. Das mag vielen, die sehnlich auf umfassende Antworten gehofft haben, böse vor den Kopf stoßen, fühlt sich in diesem Fall aber irgendwie richtig an und bietet so die Möglichkeit, sich auch über das Romanende hinaus noch intensiv mit dem Gelesenen auseinander zu setzen. „More than this“ wirkt also noch eine ganze Weile nach, und das muss man als Autor ja auch erst einmal schaffen.

More than this
  • Autor:
  • Deutscher Titel: Mehr als das
  • Umfang: 472 Seiten
  • Verlag: Candlewick Press
  • Erscheinungsdatum: 10. September 2013
  • Preis Geb. Ausgabe 14,25 €/eBook 5,51 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
9/10
Fazit:
Patrick Ness erzählt mit „More than this“ eine einzigartige Geschichte, die sich sehr intensiv mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinandersetzt, diese schwere Thematik aber gekonnt in einen ungemein faszinierenden und atmosphärischen Science-Fiction-Mystery-Contemporary-Mix verpackt, dessen surrealer Sogwirkung man sich nur schwer entziehen kann.

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