Passagier 23_Rezi

Fünf Jahre ist es nun her, dass Martin Schwartz bei einer Familientragödie seine Frau und seinen Sohn verlor. Beide befanden sich damals während eines Urlaubs auf dem Kreuzfahrtschiff „Sultan of the Seas“, bis Mutter und Kind eines Nachts spurlos verschwanden. Nun muss sich der Polizeipsychologe erneut diesem traurigen Kapitel seiner Vergangenheit stellen, denn sein neuer Einsatz verschlägt den wagemutigen Ermittler ausgerechnet an den Ort seines größten Schicksalsschlages: an Bord der „Sultan“, wo sich fast das gleiche Drama ein weiteres Mal abgespielt hat. Erneut haben sich eine Mutter und ihr Kind scheinbar in Luft aufgelöst und das rätselhafte Verschwinden weist erschreckende Parallelen zu Martins eigenen Erlebnissen auf. Zudem wurde auf dem Schiff eine merkwürdige Entdeckung gemacht, die den Ermittler umgehend in Alarmbereitschaft versetzt: Bei dem Fundstuck handelt es sich nämlich um den Teddy seines Sohnes, und Martin sieht nun die große Chance gekommen, endlich herauszufinden, was damals tatsächlich mit seiner Familie passiert ist…

Tatort: Kreuzfahrtschiff

Wenn man dem neuen Roman des deutschen Bestsellerautors Sebastian Fitzek Glauben schenken kann, verschwinden auf den Kreuzfahrtschiffen der Weltmeere jedes Jahr im Schnitt 23 Personen spurlos – ein Großteil dieser Statistik wird verzweifelten Selbstmördern zugeschrieben, die sich in ihrer Hoffnungslosigkeit still und leise von der Reling in die Fluten stürzen. Trotzdem bietet diese erstaunliche Zahl viel Raum für Spekulationen und Verschwörungstheorien und damit besten Stoff für einen spannenden Thriller. Fitzek setzt aber noch einen drauf und beginnt sein neuestes Werk mit der Fragestellung, was wohl passieren würde wenn einer dieser Verschwundenen, der titelgebende „Passagier 23“, ebenso plötzlich wieder an Bord des Schiffes auftauchen würde?

Ein selbstzerstörerischer Ermittler mit tragischer Familiengeschichte

Passenderweise hat seine Hauptfigur, der Polizeipsychologe Martin Schwartz, dann auch direkt einen persönlichen Bezug zu diesem rätselhaften Kreuzfahrt-Mysterium, denn auch er zählt zu den Menschen, deren geliebte Angehörigen seit ihrem Trip auf einem Luxusliner als vermisst gelten. Was eine solche Ungewissheit um das Schicksal der eigenen Familie auslösen kann, erfährt der Leser dann schon beim ersten Auftritt des Protagonisten: Durch die persönlichen Verluste völlig von emotionalen Bindungen und einem Lebenssinn befreit, stürzt sich Martin Schwartz wie von Sinnen in eine gefährliche Undercoveraktion nach der nächsten und ist zu Beginn des Buches gerade im Begriff, für einen glaubwürdigen Auftritt auf einer perversen Aids-Party sein Leben mit schockierendem Leichtsinn gleich in mehrfacher Hinsicht aufs Spiel zu setzen. Sofort wird klar: Dieser Mann hat nichts mehr zu verlieren. Das ändert sich aber, als Martin unter mysteriösen Umständen an Bord der „Sultan of the Seas“ gelockt wird und die ganzen verdrängten Schmerzen und Erinnerungen plötzlich wieder aufreißen. Zugleich sorgt das überraschende Auftauchen einer als vermisst geltenden Person, dass auch der Ermittler neue Hoffnungen auf ein Wiedersehen oder zumindest auf einen Abschluss mit seiner persönlichen Tragödie schöpfen kann. Doch die Spurensuche auf dem Kreuzfahrtschiff entwickelt sich schnell zu einem Albtraum…

Interessantes Setting mit leider sehr steriler Atmosphäre

Für einen solchen Albtraum bietet die „Sultan“ einen fast perfekten Schauplatz, alleine schon weil das zwar weitläufige, aber durch die endlose Weite des umgebenden Meeres eben auch räumlich begrenzte Setting keine Möglichkeit zum Entkommen bietet – von einem Sprung in die Tiefe einmal abgesehen. Bei diesen Voraussetzungen sollte es nicht allzu schwer fallen, der Handlung eine beklemmende und äußerst ungemütliche Atmosphäre zu verschaffen – leider gelingt Sebastian Fitzek dies aber nur bedingt. Zwar gibt es immer wieder stimmungsvolle Szenen an versteckten Orten im Bauch des Schiffes oder an der unsicheren Reling, allerdings füllt der Autor das Schiff selbst kaum mit Leben. Man hat häufig das Gefühl, als wären die ca. ein Dutzend handlungsrelevanten Charaktere allein auf der „Sultan“, von den zu erwartenden Touristenmassen oder umschwärmenden Bordpersonal fehlt nahezu jede Spur. Die Atmosphäre an Bord eines solchen Luxusliners stelle ich mir ganz einfach anders vor, somit verliert das Setting leider ein wenig von seinem Reiz.

Die rasante Erzählung geht auf Kosten der Glaubwürdigkeit

Über diesen Makel lässt man sich aber leicht hinwegtäuschen, weil es in „Passagier 23“ einfach an allen Ecken und Enden brennt und es kaum mal ein Kapitel zum Durchatmen gibt. Das ist man von Fitzek gewohnt und somit geht man folglich auch mit einer entsprechenden Erwartungshaltung an das Buch heran, welche der Autor zumindest in dieser Hinsicht auch mit Leichtigkeit erfüllen kann. Über Langeweile kann man sich wahrlich nicht beschweren, denn vielmehr ist das Gegenteil der große Knackpunkt der Geschichte: Es spielen sich an Bord des Schiffes einfach so viele dubiose Geschichten ab, dass aufgrund dieser unwahrscheinlichen Häufung erste Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Story aufkommen. Wenn man es an einem so begrenzten Ort mit einer letztlich doch überschaubaren Anzahl an Menschen plötzlich mit der geballten Ladung Verbrechen (Vergewaltigung, Missbrauch, Entführung, Erpressung, Mord, Diebstahl und vieles mehr) zu tun bekommt, dann wirken Kriminalitätshochburgen wie das amerikanisch-mexikanische Grenzgebiet im Vergleich zum Luxusliner wie ein wahres Familien-Erholungsgebiet. Natürlich muss man als Thrillerautor seinem Publikum ein gewisses Maß an Unterhaltung bieten, allerdings hätte es bei der Entstehung des Buches vermutlich nicht geschadet wenn jemand Herrn Fitzek zumindest hin und wieder ein wenig auf den Boden zurückgeholt hätte.

Eine ununterbrochene Aneinanderreihung von Absurditäten

Denn leider wird „Passagier 23“ durch diesen absoluten Story-Overkill die einstige große Stärke des Autors genommen, nämlich mit packenden, aber zugleich glaubwürdigen Geschichten den Leser zu fesseln und diesen mit einer furiosen, aber – Achtung! – zugleich glaubwürdigen Schlusspointe den Atem zu rauben und als emotionales Wrack zurückzulassen. Bei Fitzeks neuem Buch setzt sich aber fort, was sich bereits seit seinem Augensammler/Augenjäger-Doppelpack abgezeichnet hat: Der Autor sieht sich offenbar in der Pflicht, seinen Lesern immer neue dramatische Wendungen bieten und seine eigenen Werke unbedingt übertreffen zu müssen. Eine haarsträubende Überraschung jagt dadurch die nächste und so wird gefühlt in jedem Kapitel die bisherige Story auf den Kopf gestellt – „Passagier 23“ hat also nicht wie früher eine (wirkungsvolle) Schlusspointe, sondern ist vielmehr ab dem ersten Drittel eine wahre Aneinanderreihung solcher, bei deren rascher Aufeinanderfolge Fitzek aber den richtigen Zeit zum Absprung gleich mehrmals verpasst. Jede Figur bekommt dann nochmal ihr ganz eigenes Drama verliehen und macht mindestens eine überraschende Wandlung durch, die meist mit immer absurderen Motivationen für ihr Verhalten begründet werden. In dieser Unvorhersehbarkeit ist der Plot aber paradoxerweise völlig vorhersehbar, sodass man sich schon gar nicht mehr erst auf falsche Fährten locken lässt. Denn immer wenn sich die Geschichte vermeintlich festgefahren hat und es keinen Ausweg mehr gibt, erfindet Fitzek mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine weitere Absurdität. Da wirkt es fast wie blanker Hohn wenn der Autor im (im Hörbuch von ihm selbst gelesenen) Nachwort mit fast schon diebischer Freude darauf hinweist, dass er sein Publikum angelogen habe – das wäre „alles so gar nicht passiert“. Wirklich Herr Fitzek? Darauf wäre ich bei dieser an den Haaren herbeigezogenen Story alleine überhaupt nicht gekommen…

Unterhaltsam? Ja! Mitreißend? Leider überhaupt nicht…

Somit fällt mein abschließendes Fazit zu diesem Buch leider äußerst ernüchternd aus. Ist „Passagier 23“ unterhaltsam? Ohne jede Frage, dafür passiert einfach schon zu viel, denn man kommt wirklich kaum zum Luftholen und irgendwie ist es ja auch genau das, was man von einem guten Thriller erwartet. Wenn man also in erster Linie mit dem Anspruch an das Buch heran geht, über knapp 10 Stunden hinweg eine möglichst rasante Story mit möglichst vielen Überraschungen geboten zu bekommen, kann man ohne zu Zögern zum neuen Fitzek greifen und bekommt genau das geliefert. Will man sich aber von einer Geschichte fesseln lassen, die gerade deshalb eine verstörende Wirkung entfacht, weil genau so etwas tatsächlich passieren könnte und das Grauen dadurch greifbar wird, legt man zudem Wert auf vielschichtige Charaktere, die nachvollziehbar handeln und auch in ihrer jeweiligen Motivation verständlich sind, sollte man dieses Schiff besser ohne eigenes Beisein aus dem Hafen ziehen lassen. Für mich kann ein Thriller gerne mysteriös und auch mit ein paar erzählerischen Freiheiten versehen sein, wenn einem Plot aber derart die Glaubwürdigkeit abhanden kommt, kann ich diesen jedoch einfach nicht ernst nehmen – folglich verfehlt ein solches Buch bei mir völlig seine Wirkung. Genau das ist bei „Passagier 23“ bei mir der Fall gewesen: Ich fand es nahezu von der ersten Minute an haarsträubend konstruiert und zu sehr auf billige Schockeffekte ausgerichtet, sodass mich die Handlung zu keinem Zeitpunkt mitreißen und neugierig auf die Auflösung machen konnte. Wäre da nicht die wie gewohnt engagierte und stimmungsvolle Lesung von Simon Jäger gewesen, wer weiß ob ich diese Kreuzfahrt überhaupt bis zum Ende hin mitgemacht hätte… Back to the roots, Herr Fitzek!

Passagier 23
  • Autor:
  • Sprecher: Simon Jäger
  • Länge: 10 Std. 10 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Audible GmbH
  • Erscheinungsdatum: 30. Oktober 2014
  • Preis 19,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
4/10
Fazit:
Sebastian Fitzeks neues Werk „Passagier 23“ ist ein aufgrund der zahlreichen Wendungen und des hohen Erzähltempos zwar jederzeit unterhaltsamer Thriller-Blockbuster, der durch die haarsträubend konstruierte Geschichte jedoch jegliche Glaubwürdigkeit einbüßt und damit nur in Ansätzen fesseln kann.

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