Zero_Rezi

Nicht nur das Weiße Haus gerät in Aufruhr, als der amerikanische Präsident in seinem Urlaub plötzlich von einer mit Kameras besetzten Drohne verfolgt und dieser Zwischenfall per Livestream im Internet verbreitet wird. Die Amerikaner sind entsetzt über diese dramatische Sicherheitslücke, zudem wird das sichtlich in Panik geratene Staatsüberhaupt durch die wenig schmeichelhaften Bilder vor der ganzen Weltöffentlichkeit bloßgestellt. Zu dem Drohnen-Überfall bekennt sich wenig später eine Organisation namens ZERO, die mit ihrer Aktion auf die staatliche Überwachung und die damit verbundene Einschränkung der persönlichen Freiheit aufmerksam machen will – und sich damit auf einen Schlag zu Amerikas Staatsfeind Nr. 1 katapultiert. Geheimdienst und Medien stürzen sich mit vollem Einsatz auf die Suche nach den Köpfen hinter den Computerhackern, darunter auch die britische Journalistin Cynthia Bonsant, die von ihrem Chef mit den Recherchen über ZERO beauftragt wird. Da hat sie allerdings noch keine Ahnung, dass sie sich mit ihren Nachforschungen selbst in große Gefahr bringen wird…

Marc Elsbergs „Zero“: Der Roman zur aktuellen Überwachungs-Diskussion

In der Medienlandschaft stößt man heutzutage fast täglich auf Berichte über den Umgang mit sensiblen persönlichen Daten, meist wird dabei marktschreierisch über mangelhafte Privatsphäreeinstellungen in sozialen Netzwerken oder Sicherheitslücken bei Smartphones und ähnlichen technischen Geräten geschrieben – und nicht zu vergessen der große NSA-Skandal, der seit Monaten die Schlagzeilen bestimmt. Der perfekte Zeitpunkt eigentlich, um mit einem Thriller über Datenschutz, persönliche Freiheit und Überwachung die Bestsellerlisten zu stürmen, dachte sich wohl auch „Blackout“-Autor Marc Elsberg und legt mit „ZERO: Sie wissen, was du tust“ seinen neuen Roman hin. Und dieser beginnt durchaus verheißungsvoll, nämlich mit einem Drohnenangriff auf den US-Präsidenten, einer Attacke, die man aufgrund der strengen Sicherheitsbestimmungen der amerikanischen Geheimdienste nie für möglich gehalten hätte. Auch wenn die Drahtzieher hinter der Aktion keine gewalttätigen Absichten hatten und damit nur auf ihren Kampf gegen die Überwachung der Bürger aufmerksam machen wollte, gerät die Organisation ZERO natürlich sofort ins Visier aller: Die einen wollen die Hacker für das Bloßstellen des Präsidenten zur Rechenschaft ziehen, die anderen reißen sich um exklusive Berichte und Interviews mit den Mitgliedern der Gruppe.

Spannender Auftakt, interessanter Denkansatz

Ob man einen solchen Angriff auf den US-Präsidenten bei den heutigen enorm strengen Sicherheitsvorkehrungen für realistisch hält, sei einmal dahingestellt – als dramatischer Auftakt für Elsbergs Roman funktioniert dies jedoch hervorragend. Und auch der Ansatz, ein Unternehmen in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen, das sich auf die Vermarktung persönlicher Daten unter ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer spezialisiert hat, ist wirklich interessant: Bei dem Online-Dienst FreeMe kann sich jeder registrieren und in dem von ihm gewünschten Umfang seine Daten zur Verfügung stellen. Je mehr Informationen man über sich preisgibt, desto größer ist der finanzielle Ausgleich, zudem kann man sich durch die gesammelten Daten eine individuell zusammengestellte Lebensberatung erstellen lassen. Sogenannte ActApps geben den Nutzern Hinweise und Ratschläge in allen Lebenslagen und planen deren Tagesablauf, motivieren zum sportlichen Training oder helfen bei der positiven Veränderung des eigenen Typs durch Kleidungsvorschläge oder ein gesteigertes Selbstbewusstsein. Ein spannender Ansatz und aufgrund der heutigen Vielzahl an Smartphone-Apps mit Fitness-Programmen, Ernährungsratgebern oder Schlafphasen-Weckern auch alles andere als unvorstellbar.

Häufig arg übertrieben und dadurch wenig authentisch

Das Problem ist aber, dass es Marc Elsberg mit seinem FreeMe-Konzept hoffnungslos übertreibt. Klar ist es möglich, dass sich gerade junge Leute von der Bezahlung und coolen Handy-Apps angesprochen fühlen, zumal diese im Vergleich zum älteren Teil der Bevölkerung vermutlich ohnehin eine etwas offenere Haltung zu sozialen Netzwerken und der Freigabe persönlicher Informationen haben – aber in dem vom Autor dargestellten Umfang empfinde ich dies als völlig überzogen und absolut unglaubwürdig. Im Roman ist FreeMe nämlich auf dem besten Weg, mit den Nutzerzahlen an Facebook-Verhältnisse heranzureichen und peilt zudem die Marke von 2 Milliarden Mitgliedern an. Mich würde es schon sehr überraschen, wenn ein solcher Dienst 100 Millionen Menschen anziehen würde, wenn man alleine schon den riesigen Aufschrei bei jeder winzigen Facebook-Sicherheitslücke bedenkt – aber für 200 Euro im Monat ist bestimmt plötzlich jeder zur völligen Überwachung seiner Person bereit. Das glauben sie ja wohl selbst nicht, Herr Elsberg… Außerdem kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sich Großteile der jugendlichen Bevölkerung von einem Handyprogramm vorschreiben lassen, wann und in welchem Umfang man etwas für die Schule zu tun hat. „Mama, ich kann gerade nicht, FreeMe sagt, ich muss lernen…“ – in Einzelfällen sicherlich denkbar, aber nicht in dem gigantischen Umfang wie im Roman. Auch dass man als Jedermann ohne große Einschränkungen rund 2 Milliarden Menschen in dem sogenannten „ManRank“ auf ihren sozialen Wert hin kontrollieren kann, ist wirklich abenteuerlich haarsträubend. Gäbe es eine solche öffentliche Liste, würden nicht nur verbissene Datenschützer mit Heugabeln und brennenden Fackeln Jagd auf die Betreiber machen, aber in „ZERO“ kommt so etwas kaum vor. Jeder findet FreeMe toll und lässt sich von ActApps gerne sein Leben vorschreiben und nur ein paar kluge Hacker kommen auf die Idee, dass das ja vielleicht doch gar nicht alles so toll ist…

Lahme Story, langweilige Charaktere

Zudem hat „ZERO“ über fast die gesamten ersten zwei Drittel des Buches das Problem, dass eine Story wirklich kaum erkennbar ist. Der Anschlag auf den Präsidenten verkommt schnell völlig zum Randthema, stattdessen geht es stundenlang um die Funktionsweise von FreeMe. Hier besteht ein Großteil der Kapitel einfach nur daraus, dass irgendwelche belanglosen Charaktere vor Computern sitzen und sich von weiteren belanglosen Charaktere die Funktionsweise des Dienstes erklären lassen. Irgendwann kann man es dann einfach nicht mehr hören bzw. lesen. Spannung kommt dabei nicht einmal im Ansatz auf, stattdessen war ich zwischenzeitlich stimmungsmäßig an einem Punkt angelangt, an dem ich mich über jede Kleinigkeit hätte aufregen können. Und bei der gefühlt 849. Wiederholung des Satzes „Willkommen in Paranoia“ hätte ich meinen iPod am liebsten nur noch gegen die Wand geschmissen. Mir ist schon klar, dass Marc Elsberg die Überwachung und den Umgang mit sensiblen Daten hier ein wenig auf die Spitze treibt und dadurch ein beängstigendes Szenario kreieren möchte – „ZERO“ hat aber einfach von allem viel zu viel. Es wirkt oft so, als wäre der Autor bei seinen Recherchen auf unzählige technische Spielereien gestoßen, die er alle in einem Buch unterbringen wollte. Das wirkt aber einfach völlig überzogen und dadurch auf mich absolut unglaubwürdig, weshalb Elsberg bei mir auch nicht die beabsichtigte Paranoia hervorrufen konnte. Zudem krankt sein Buch daran, dass es wirklich keine einzige interessante oder sympathische Figur bietet, mit der man sich identifizieren und mitfiebern könnte – vor allem die Hauptfigur Cynthia Bonsant versagt hier auf ganzer Linie und wirkt die meiste Zeit einfach nur anstrengend.

Schwache Hörbuchfassung mit gekünstelt wirkendem Sprecher

Vielleicht habe ich aber auch einfach nur den Fehler gemacht, zur falschen Ausgabe von „ZERO“ gegriffen zu haben, denn ich habe mich für das von Schauspieler Steffen Groth vorgelesene Hörbuch entschieden. Und obwohl man diesem weder mangelnden Einsatz noch grobe technische Fehler vorwerfen könnte, bin ich mich dessen Lesung überhaupt nicht warm geworden. Egal was Steffen Groth macht, irgendwie wirkte auf mich alles völlig künstlich und aufgesetzt, was auch nicht gerade zur Authentizität des Buches beigetragen hat. Die oft ohnehin schon flachen Dialoge wirken durch seltsame Betonungen teilweise noch dümmlicher und er schafft es auch zu keinem Zeitpunkt, Sympathien für die (zugegeben auch relativ dürftig ausgearbeiteten) Charaktere hervorzurufen. Dazu kommt dann noch, dass man sich auch bei der Art des Vortrags einige absolute No-Gos wie das wirklich haarsträubend praktizierte Vorlesen von Twitter-Nachrichten geleistet hat. Hier wird ernsthaft jedes Hashtag-Zeichen vorgelesen, was Hashtag einen Hashtag Hashtag Hashtag bei Hashtag einer Hashtag via Hashtag Tweets Hashtag kommentierten Hashtag Verfolgungsjagd Hashtag absolut Hashtag in Hashtag den Hashtag Wahnsinn Hashtag treibt, Hashtag zumal Hashtag dabei Hashtag auch Hashtag noch Hashtag die Hashtag ständig Hashtag gleichen Hashtag Hashtags Hashtag verwendet Hashtag werden. Sowas geht in einem Hörbuch wirklich überhaupt nicht und ist bezeichnend für die sehr schwache technische Umsetzung dieses Buches.

Gute Ansätze, enttäuschend schwache Umsetzung

Insgesamt ist „ZERO: Sie wissen, was du tust“ für mich leider eine herbe Enttäuschung. Der Ansatz der Geschichte ist dabei tatsächlich sehr interessant, allerdings schöpft Marc Elsberg dieses Potenzial erst im Schlussdrittel zumindest ansatzweise aus, auch wenn das Ende genauso dürftig ausfällt wie Großteile der restlichen Story. Schwache Charaktere und durch unzählige Übertreibungen fehlende Authentizität geben der Geschichte dann den Rest. Möglicherweise wirkt „ZERO“ ohne die misslungene Lesung Steffen Groths ganz anders, ich habe das Buch jedenfalls in dieser Form von vorne bis hinten als sehr gekünstelt empfunden. Schade, hier wäre wirklich viel mehr drin gewesen…

Zero: Sie wissen, was du tust
  • Autor:
  • Sprecher: Steffen Groth
  • Länge: 13 Std. 22 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Random House Audio, Deutschland
  • Erscheinungsdatum: 23. Mai 2014
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
5/10
Fazit:
Marc Elsberg wählt für seinen Thriller einen spannenden Ansatz, schafft es jedoch weder mit seiner dünnen Story noch mit den langweiligen Charakteren zu überzeugen und verstrickt sich zudem in haarsträubenden Übertreibungen.

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