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Der schockierender Mord an einer jungen Professorin konfrontiert Commandant Servaz mit seiner eigenen Vergangenheit.

Commandant Martin Servaz von der Kriminalpolizei in Toulouse erhält einen überraschenden Anruf: Seine Jugendliebe Marianne fleht ihn aufgelöst an, umgehend in die Universitätsstadt Marsac zu kommen, da ihr Sohn Hugo am Tatort eines Mordes festgenommen worden sei. Aus alter Verbundenheit folgt Servaz dem Hilferuf und macht sich schnell mit den Eckpunkten des Falls vertraut: Eine Professorin der örtlichen Elite-Hochschule wurde tot in ihrer eigenen Badewanne aufgefunden, gefesselt und mit einer leuchtenden Taschenlampe im Hals. Alles deutet darauf hin, dass Hugo tatsächlich der Mörder der Frau ist, allerdings behauptet dieser, nach einem Blackout im Haus des Opfers aufgewacht zu sein und die Tote dann aufgefunden zu haben. Trotz der erdrückenden Indizienlage hat Servaz Zweifel an der Schuld des Jungen – erst recht, als er im Haus der Ermordeten eine beunruhigende Entdeckung macht…

Die Fortsetzung zu „Schwarzer Schmetterling“ 

„Schwarzer Schmetterling“, der Debütroman des französischen Autors Bernard Minier, zählte für mich im Jahr 2012 zu den absoluten Thrillerhighlights, folglich habe ich mich seit Monaten auf die nun endlich erschienene Fortsetzung „Kindertotenlied“ gefreut. Hauptfigur ist erneut der Ermittler Martin Servaz, der im Vorgängerroman an einem der aufsehenerregendsten Kriminalfälle Frankreichs der letzten Jahre beteiligt war, welcher den Commandant auch gut zwei Jahre später immer noch nicht wirklich zur Ruhe kommen lässt. Schließlich ist der gefährliche Serienkiller Julian Hirtmann, der damals aus dem Hochsicherheitstrakt einer psychiatrischen Anstalt entkommen konnte, nach wie vor auf der Flucht und hat seit seinem Ausbruch keinerlei brauchbare Spuren hinterlassen. Das scheint sich aber zu ändern, als Servaz im Haus der ermordeten Professorin plötzlich die berühmten „Kindertotenlieder“ des Österreichers Gustav Mahler aus der Stereoanlage dröhnen hört – seines eigenes Lieblingskomponisten, aber auch der Julian Hirtmanns. Für den routinierten Ermittler ist sofort klar, dass die Musik am Tatort kein Zufall ist: Hirtmann ist zurück.

Ein sehr persönlicher Fall für Commandant Martin Servaz

Wie man bereits erahnen kann, greift Bernard Minier bei seinem zweiten Thriller einige Ereignisse des Vorgängers auf, weshalb man diesen günstigerweise ebenfalls gelesen haben sollte, bevor man sich an „Kindertotenlied“ begibt. Gerade der entflohene Serienkiller Julian Hirtmann schwebt doch immer wieder über den Ereignissen der Fortsetzung, wenngleich der Fokus diesmal vor allem auf das Geschehen an der französischen Elite-Uni Marsac gerichtet ist – ein Ort, der auch für die Hauptfigur eine besondere Bedeutung hat, schließlich hat Servaz dort vor einigen Jahren selbst studiert und trifft somit auch einige alte Bekannte wieder. Sein zweiter Fall fällt folglich deutlich persönlicher aus als im ersten Buch und die Konfrontation mit früheren Rivalen oder schmerzvoll auseinandergebrochenen Beziehungen reißt so manche alte Wunde wieder auf. Hier kombiniert Minier geschickt den Kriminalfall mit dem Privatleben seines Ermittlers und verleiht der Hauptfigur dadurch zusätzlichen Tiefgang.

Komplexe Story mit Schwächen im Mittelteil…

Auch die Story beginnt verheißungsvoll und sorgt mit dem seltsam inszenierten Tatort und die Andeutung auf eine Verwicklung des Serienmörders für Spannung. Darüber hinaus bietet auch das Umfeld des Opfers so manchen Reizpunkt, denn das Leben an der elitären Hochschule ist voll von Eifersucht, Konkurrenz, Erfolgsdruck und menschlichen Abgründen, die sich hinter der glänzenden Fassade der Universität verstecken. Wie schon in „Schwarzer Schmetterling“ nimmt sich der Autor viel Zeit, um seine Geschichte zu erzählen, was nach der guten Anfangsphase aber gerade im Mittelteil für kaum übersehbare Längen sorgt. Das liegt hauptsächlich daran, dass Minier viele Nebenschauplätze eröffnet, die aber häufig etwas verloren im Raum stehen, da lange kein unmittelbarer Bezug zur Haupthandlung erkennbar ist. Hier muss man beim Lesen eine gute Portion Geduld mitbringen, zumal „Kindertotenlied“ diesmal leider auch nicht mehr ganz so stark mit seiner Atmosphäre punkten kann. Sorgten im ersten Buch noch die eisigen Berge der Pyrenäen für eine düstere und unheimliche Grundstimmung, so fällt dieser Faktor nun leider fast völlig weg. Zwar deutet Minier hin und wieder die Hitze des WM-Sommers 2006 an, richtig fühlbar wird diese für den Leser aber nicht.

… aber einem grandiosen Schlussakt

Kurz bevor sich bei der Lektüre aber ein Gefühl der Enttäuschung einstellt, zieht der Autor das Erzähltempo deutlich an und liefert ein hervorragendes Schlussdrittel ab, indem endlich alle losen Fäden gekonnt zusammengeführt werden und die wahre Komplexität des Falls zum Vorschein kommt. Hier zahlt sich das etwas mühsame Durchkämpfen im Mittelteil aus und wird mit einer sehr guten Auflösung belohnt. Zwar konnte mich der Julian-Hirtmann-Nebenstrang nicht wirklich überzeugen, alle anderen Details fügen sich aber zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. So fällt mein Fazit zu Martin Servaz‘ zweitem Fall nicht ganz so euphorisch aus wie zum Reihenauftakt, da aber der grandiose Sprecher Johannes Steck in der Hörbuchfassung wieder eine Glanzleistung bringt und eine perfekte Verkörperung der Hauptfigur abliefert, reicht es mit dem dafür verdienten Bonus für „Kindertotenlied“ aber letztlich doch wieder zu einer hohen Wertung. Für Freunde psychologisch ausgeklügelter und clever konstruierter Thriller ist nämlich auch der zweite Roman des Franzosen Bernard Minier wieder eine ausdrückliche Empfehlung wert.

Fazit:
Nicht ganz so atmosphärisch und mitreißend wie der Vorgänger, aber erneut ein intelligenter und spannender Thriller mit einer überzeugenden Ermittlerfigur (8/10).

Kindertotenlied
Autor: Bernard Minier; Sprecher: Johannes Steck; Originaltitel: Le Cercle; Spieldauer: 18 Std. 39 Minuten (ungekürzt); Anbieter: Argon Verlag; Veröffentlicht: 20. Februar 2014; Preis: 29,95 €.

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