Autor: Tom Rob Smith
Umfang: 512 Seiten
Verlag: Goldmann Verlag
Erscheinungstermin: 4. Januar 2010
Originaltitel: Child 44
Preis: 9,95 € (Taschenbuch)

Klappentext:
Moskau 1953. Auf den Bahngleisen wird die Leiche eines kleinen Jungen gefunden, nackt, fürchterlich zugerichtet. Doch in der Sowjetunion der Stalinzeit gibt es offiziell keine Verbrechen. Und so wird der Mord zum Unfall erklärt. Der Geheimdienstoffizier Leo Demidow jedoch kann die Augen vor dem Offenkundigen nicht verschließen. Als der nächste Mord passiert, beginnt er auf eigene Faust zu ermitteln und bringt damit sich und seine Familie in tödliche Gefahr …

Meine Buchbesprechung:
Leo Stepanowitsch Demidow ist ein hochdekorierter Agent des MGB, des Inlandgeheimdienstes der Sowjetunion, und hat in seiner Karriere bereits zahlreiche Lorbeeren eingeheimst, unter anderem für seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg. Für das kommunistische Regime gilt er als Kriegsheld und Aushängeschild für das sowjetische System, zumal Demidow sich in seiner Laufbahn bisher äußerst folgsam gezeigt hat und seine Befehle in der Regel ohne Widerspruch befolgt. Daher ist er für seine Vorgesetzten auch der richtige Mann, wenn es darum geht, Kritik und Zweifel an der Idee des Sozialismus im Keim zu ersticken.

Moskau, 1953: Tod eines vierjährigen Jungen – Tragischer Unfall oder vertuschter Mord?

Das ist notwendig, weil der Tod eines kleinen Jungen für aufrührerische Reaktionen gesorgt hat und die Führungskräfte beunruhigt: Der vierjährige Sohn eines MGB-Kollegen wurde tot auf den Gleisen der örtlichen Bahnstrecke gefunden. Für den Staat ist der Fall eindeutig, das Kind wurde vom einfahrenden Zug mitgerissen und kam dabei ums Leben – ein tragischer Unfall. Der Vater äußert jedoch lautstark Zweifel an dieser Version und verweist auf vermeintliche Zeugen, die den Jungen kurz zuvor in Begleitung eines fremden Mannes gesehen haben und darüber hinaus berichten, dass die Leiche des Vierjährigen nackt und voller Stichwunden gewesen sei – was eindeutig gegen die Unglückstheorie sprechen würde. Leo Demidow soll nun dafür sorgen, dass der Vater seine Nachforschungen und die damit verbundene Systemkritik umgehend einstellt, da sonst härtere Maßnahmen ergriffen werden müssten, um ihn zum Schweigen zu bringen. Der Geheimdienstler leistet den Anweisungen des MGB wie gewohnt Folge, doch wenig später findet er heraus, dass hinter dem Tod des Jungen doch mehr steckt, als der Staat sich eingestehen will…

Debütroman des Briten Tom Rob Smith und Auftakt der Leo-Demidow-Reihe

„Kind 44“ ist der Debütroman des britischen Schriftstellers Tom Rob Smith und spielt im Jahr 1953 in der sowjetischen Hauptstadt Moskau. Der Roman über den MGB-Agenten Leo Demidow wurde ein großer internationaler Erfolg, der sich nicht nur in den Bestsellerlisten widerspiegelte, sondern dem Autor auch zahlreiche wichtige Auszeichnungen einbrachte, unter anderem den „Ian Fleming Steel Dagger“ und den „International Thriller Award“ für das beste Thriller-Debüt. Mittlerweile sind sogar mit „Kolyma“ und „Agent 6“ zwei Fortsetzungen erschienen, in denen erneut Leo Demidow die Hauptrolle spielt.

Tragischer Prolog als Schocker zum Auftakt

Tom Rob Smith braucht zunächst keine lange Anlaufphase und verstört den Leser direkt mit einem tragischen Prolog, der im Jahr 1933, also 20 Jahre vor der eigentlichen Handlung, spielt und schonungslos das knüppelharte Leben in der damaligen Sowjetunion kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges darstellt. Die Menschen leben in bitterer Armut, müssen mit der gnadenlosen Kälte umgehen und leiden seit Monaten unter dem Mangel an Nahrungsmitteln. Die meisten Mahlzeiten bestehen aus Baumrinde oder geschmacks- und nährstoffarmen Brühen aus Brennesseln und Lederresten; Fleisch gibt es nur in Form von Regenwürmern oder gefangenen Mäusen, Katzen und Hunden. Welche schreckliche Seite dieses Elend in den Menschen hervorbringt, zeigt die geschilderte Episode über zwei Brüder, die in den kalten Wäldern eine der selten gewordenen Katzen jagen. Unvermittelt wird der ältere der Junge von einem fremden Mann überwältigt und verschleppt, um offenbar als Fleischration verarbeitet und verzehrt zu werden.

Die Sowjetunion unter Stalin: Ein Leben in Angst

Es bleibt kaum Zeit, um sich von diesem Schock zu erholen, denn der Autor versetzt seinen Lesern nur wenige Seiten später den nächsten Tiefschlag. Wieder spielen zwei kleine Brüder die Hauptrolle, diesmal allerdings bereits im Jahr 1953. Die Jungen vertreiben sich mit einer Schneeballschlacht die Zeit, bis die Spielerei in Ernst ausartet und der Jüngere nach einem Streit fortläuft. Wenig später liegt das Kind tot auf den Gleisen und liefert damit den Ausgangspunkt für die Hauptstory, die danach jedoch noch einmal zur Seite gestellt wird. Zunächst nutzt Smith nämlich die ersten Kapitel, um seinen Protagonisten Leo Demidow und dessen Arbeit vorzustellen, welche ganz dem sozialistischen System verschrieben ist. Außerdem wird schnell deutlich, welche Konsequenzen das unerbittliche Regime für das Leben in der Sowjetunion hat. Alles ist geprägt von einem Klima der Angst, in dem jeder Staatsbürger Gefahr läuft, für eine einzige unbedachte Äußerung oder andere Kleinigkeiten denunziert zu werden, was im günstigsten Fall einen jahrelangen Aufenthalt im Straflager nach sich zieht und schlimmstenfalls eine umgehende Exekution zur Folge hat. Erschreckend ist auch die Art und Weise der Verbrechensbekämpfung, die man so eigentlich gar nicht bezeichnen kann. Nach den Regeln der herrschenden Ideologie gibt es nämlich in der Sojwetunion aufgrund der Gleichheit der Bevölkerung überhaupt keinen Grund für Gesetzeswidrigkeiten und folglich auch keine Kriminalität. Sollte es doch einmal zu Mord und Totschlag kommen, so wird dies entweder systemfeindlichen Stören in die Schuhe geschoben oder als Tat von „psychisch Kranken“ wie z.B. geistig Behinderten oder Homosexuellen dargestellt. Ein Menschenleben ist absolut nichts wert, gerät man auch nur im entferntesten in Verdacht eines Regelbruchs, bedeutet das im Normalfall schon das Todesurteil. Wer verdächtigt wird, wird auch verhaftet und so lange verhört und bearbeitet, bis es schließlich zu einem erzwungenen Geständnis und damit in der Regel zur Hinrichtung kommt.

Lange Anfangsphase, die mit dichter und bedrückender Atmosphäre überzeugt

Dass selbst folgsame und regimetreue Staatsbeamte vor diesem Schicksal nicht gefeit sind, zeigt die Geschichte der Hauptfigur, die sich von einem Tag auf den anderen plötzlich selbst in der Rolle des Opfers wiederfindet. Sein ganzes Leben lang hat Leo Demidow stur seine Befehle befolgt und damit das sozialistische System beschützt, was den Tod unzähliger Unschuldiger zur Folge hatte – von Leo aber nie so wahrgenommen wurde. Erst als sich die Hinrichtung eines vermeintlichen Spions als Fehler herausstellt und Demidow selbst auf seine eigene Frau angesetzt wird, beginnt er langsam, das System zu hinterfragen – mit fatalen Folgen für ihn und seine Familie. Diese Vorgeschichte nimmt rund ein Drittel des Buches ein und ist atmosphärisch sehr dicht beschrieben und spannend erzählt. Man kann als Leser kaum glauben, was Tom Rob Smith seinem Publikum an unfassbaren Vorgängen präsentiert und die Angst vor dem Regime ist beinahe am eigenen Leib spürbar.

Spannende und tragische Geschichte mit einem interessanten Anti-Helden

Nach dieser recht langen Einführungsphase beginnt dann die eigentliche Geschichte um die im Klappentext angekündigten Kindermorde, die nicht weniger entsetzlich ist als die Schilderungen über Denunzierungen und Hinrichtungen im Vorfeld. Smith hält die Spannung durchweg auf einem sehr hohen Level, greift zu diesem Zweck aber auch zu einigen eher fragwürdigen Entwicklungen. So wirkt die Geschichte an einigen Stellen doch sehr konstruiert und basiert zu sehr auf Zufällen, die in dieser Häufigkeit kaum noch glaubwürdig sind. Es erscheint ebenfalls zweifelhaft, dass plötzlich wildfremde Dorfbewohner für Demidows Unterfangen ihr Leben riskieren, wo doch auf den 400 Seiten zuvor immer wieder die allgegenwärtige Angst vor dem System gepredigt wurde. Punkten kann „Kind 44“ dagegen durch die interessante Hauptfigur des Leo Demidow. Dieser ist gewiss kein strahlender Held und hat durch sein blindes Befolgen von Befehlen maßgeblich zum Leiden und zum Tod vieler Unschuldiger beigetragen, trotzdem schafft es der Autor, dass der Leser fast im gesamten Verlauf Sympathie für den Protagonisten empfindet. Dafür sorgt sicherlich auch die dramatische Nebenhandlung um Demidows Ehe, an welcher der Schrecken des Systems ebenfalls nicht spurlos vorbeigegangen ist. Diese und weitere Baustellen sorgen für Abwechslung und lassen so zu keiner Zeit Langeweile aufkommen. Schade ist aber, dass Smith die Identität seines Mörders aus meiner Sicht deutlich zu früh verrät, was eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Zudem gipfelt dies in einer zwar packenden, aber erneut eher unglaubwürdigen Auflösung, bei welcher der Zufall wieder kräftig mitgeholfen hat.

Schlussfazit:
Tom Rob Smiths „Kind 44“ ist ein durchweg mitreißender Thriller, der einen Großteil seiner Spannung aus der geschilderten politischen und gesellschaftlichen Situation zieht. Der Autor versteht es hervorragend, das schreckliche Klima der Angst zu vermitteln und erzeugt eine sehr dichte, aber wenig angenehme Atmosphäre, die den Leser vom Anfang bis zum Ende gefangen nimmt. Auch die Geschichte rund um die schier unzähligen Kindermorde ist gut erzählt und sorgt für Fassunglosigkeit und Entsetzen. Noch erschreckender wird diese durch das Nachwort des Autors, in welchem klar wird, dass die Handlung grob auf den Verbrechen des russischen Serienmörders Andrej Tschikatilo basiert, der zwischen 1978 und 1990 mindestens 53 Mädchen, Frauen und Jungen umgebracht hat.

Packender und erschütternder Thriller mit mitreißender Atmosphäre

„Kind 44“ ist also nichts für zartbesaitete Gemüter, wenngleich sich die eigentliche Gewaltdarstellung in überschaubaren Grenzen hält. Wer aber mit dieser tragischen Thematik nicht klar kommt, dem sei von der Lektüre lieber abgeraten. Neben der gut erzählten, manchmal aber etwas zu konstruiert wirkenden Story und der eindringlichen Atmosphäre überzeugt der Roman zudem durch die ambivalente Hauptfigur, welche selbst für viel Leid verantwortlich ist, sich letztlich aber doch noch ein wenig Sinn für Gerechtigkeit behalten hat und trotz reichlichen Widerstands für die ermordeten Kinder kämpft. Insgesamt also ein sehr empfehlenswerter Roman, der eine gelungene Mischung aus Unterhaltung und Information bietet.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
„Kind 44” von Tom Rob Smith ist im Goldmann Verlag erschienen und hat einen Umfang von 512 Seiten. Das Buch ist für 9,95 € als Taschenbuch erhältlich. Weitere Infos gibt es auf der Verlags-Homepage.


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