Autor: Thomas Enger
Sprecher: Matthias Brandt
Länge: 11 Std. (ungekürzt)

Inhaltsbeschreibung von audible.de:
Nachdem Journalist Henning Juul bei einem Wohnungsbrand seinen sechsjährigen Sohn verloren hat, kehrt er nach zwei Jahren Auszeit an seinen alten Arbeitsplatz zurück. Sein erster Auftrag führt ihn zum Mord an einer Studentin. Ihr Körper weist schreckliche Folterspuren auf. Polizeiermittler und Journalisten glauben an einen Ehrenmord. Doch Hennings Instinkt sagt etwas anderes. Aber kann er sich darauf noch verlassen?

Meine Hörbuchbesprechung:
Für Henning Juul ist es ein wichtiger Schritt zurück ins Leben: Nach langer Pause kehrt der Journalist endlich wieder zurück an seinen Arbeitsplatz, die Redaktion der Onlinezeitung 123nyheter. Zwei Jahre zuvor wurde er bei einem Wohnungsbrand schwer verletzt und ist seitdem im Gesicht von Brandwunden gezeichnet. Viel schlimmer ist jedoch, dass sein kleiner Sohn damals in den Flammen ums Leben kam, was bei Henning ein schweres Trauma hervorgerufen hat. Auch seine Ehe ist aufgrund dieser Tragödie gescheitert, weshalb Juul als gebrochener Mann an seinen Schreibtisch zurückkehrt – unter den skeptischen Blicken seiner Kollegen, von denen er nur noch wenige aus seinem früheren Berufsleben kennt.

Junge Studentin zu Tode gesteinigt – Ehrenmord in Oslo?

Hatte Henning bei seinem Dienstantritt auf eine ruhige Eingewöhnungsphase gehofft, so kann er dies jedoch schon nach wenigen Stunden im Büro vergessen. Am Ekeberg in Oslo wurde die Leiche einer jungen Studentin aufgefunden und der Tatort sowie die Verletzungen des Opfers lassen keinen Zweifel daran, dass Henriette Hagerup ermordet wurde – und das auf bestialische Art und Weise: Die junge Frau wurde bis zu den Schultern in den Boden eingegraben und anschließend zu Tode gesteinigt, außerdem wurde ihr eine Hand abgetrennt. Bei diesem Tathergang scheint der Hintergrund für diesen Mord eindeutig: Offenbar wurde Henriette nach den Regeln der Scharia bestraft. Und wer könnte sich da besser als Täter eignen als ihr aus Pakistan stammender Freund Mahmoud? Henning Juul jedoch hat seine Zweifel an der Ehrenmord-Theorie und geht seinen ganz eigenen Spuren nach…

Auftakt der sechsteiligen Krimiserie um den Journalisten Henning Juul

„Sterblich“ ist der erste Roman des Norwegers Thomas Enger und stellt gleichzeitig den Auftakt zu einer ganzen Reihe um den Journalisten Henning Juul dar. Geplant sind fünf weitere Bücher, von denen das nächste in Deutschland am 22. Oktober 2012 unter dem Titel „Vergiftet“ erscheinen wird. Wie für viele skandinavische Kriminalromane typisch, ist auch der Protagonist dieser Serie ein Mann, dem es im Leben auch schon mal besser ging. Juul hat durch den erwähnten Wohnungsbrand eigentlich alles verloren, was ihm wichtig war: Sein Sohn starb direkt durch das Unglück und seine Frau Nora hat ihn in der anschließenden Trauerphase verlassen. Da ist es Juul schon hoch anzurechnen, dass er sich nicht völlig aufgegeben hat, sondern nach der langen Pause nun sogar wieder in seinen alten Beruf als Journalist zurückkehrt. Behutsam schildert Thomas Enger dessen erste Schritte zurück in ein geregeltes Leben, raus aus der einsamen und mit unzähligen Rauchmeldern versehenen Wohnung und hinein in die lebhafte und hektische Redaktion. Man kann Hennings Unsicherheit förmlich spüren: Wird er dem Alltagsstress und dem Leistungsdruck in der Nachrichtenbranche gewachsen sein? Wie werden seine alten und neuen Kollegen auf ihn reagieren, wo die inneren und äußeren Spuren des Unglücks doch noch immer unübersehbar sind?

Ruhiger aber dennoch packender Krimi mit einer interessanten Hauptfigur

Diesen Gedanken kann er jedoch nicht allzu lange nachhängen, denn er wird von seinen Vorgesetzten gleich zur Pressekonferenz im Henriette-Hagerup-Fall beordert, an dem er zu allen Überfluss auch noch mit dem neuen Partner seiner Ex-Frau arbeiten soll. Kein Wunder, dass Henning Juul da lieber seinen eigenen Weg geht. Mit einer Mischung aus Intuition und wertvollen Insiderinformationen vertieft er sich in die Spurensuche und spürt schnell, dass mehr als nur der Racheakt eines Ausländers hinter dem Mord steckt. Besonders temporeich wird die Geschichte zwar nicht erzählt – das würde auch nicht zur Figur des traurigen und etwas verlorenen wirkenden Henning Juul passen –, doch das soll nicht heißen, dass es schnell langweilig wird. Bereits mit den ersten Befragungen reißt der Journalist sich nämlich selbst unfreiwillig sehr tief in den Fall hinein und bringt sich dadurch in große Gefahr. Durch Wendungen wie diese wird der Hörer mühelos bei Laune gehalten, zudem sorgt Thomas Enger mit einem einfachen Perspektivwechsel regelmäßig für Abwechslung: Man begleitet nämlich nicht nur den Reporter bei seinen Recherchen, sondern bekommt auch immer wieder Einblicke darin, wie die Polizei an den Mordfall herangeht. Diese verschiedenen Sichtweisen auf das Verbrechen machen die Geschichte zusätzlich interessant, auch wenn der männliche Part des Polizisten-Gespanns die meiste Zeit als notgeiler Bock daherkommt…

Die Lesung:
Auch bei der Sprecherwahl zeigte sich Random House Audio wieder gewohnt treffsicher und hat den Norwegen-Krimi von „Polizeiruf 110“-Kommissar Matthias Brandt einlesen lassen. Brandts ruhige und unaufgeregte Lesung passt hervorragend zum Protagonisten und fängt dessen Schwankungen von gebrochenem Mann zu hartnäckigem Journalisten sehr gut ein. Ich habe bisher erst zwei Hörbücher mit dem Sprecher Matthias Brandt gehört, doch „Sterblich“ hat mir wieder einmal in Erinnerung gebracht, dass man bei der Wahl des nächsten Titels ruhig öfter mal die Augen nach diesem Erzähler offenhalten sollte. Die Lesung ist nämlich genauso schnörkellos wie der angenehme Schreibstil und weiß auf ganzer Linie zu gefallen.

Schlussfazit:
Einen Preis für Originalität wird Thomas Enger mit seinem Debüt „Sterblich“ wohl eher nicht gewinnen, doch Henning Juuls erster Fall ist handwerklich absolut solide geschrieben und bietet eigentlich kaum Anlass zur Kritik. Befürchtungen, die Geschichte könnte aufgrund der tragischen Vorgeschichte der Hauptfigur allzu sentimental ausfallen, sind absolut ünbegründet. Im Gegenteil: Am Schluss überrascht Enger nochmal mit einer gelungenen Wendungen und schürt dadurch direkt die Neugier auf die folgenden Bände; der Aufhänger für die weiteren Teile scheint jedenfalls ausgemacht und verspricht auch in Zukunft noch viel Spannung.

Konventioneller, jedoch nichtsdestotrotz spannender Norwegenkrimi ohne große Schwächen

Wer grundsätzlich gerne Skandinavien-Krimis liest oder hört, der macht auch mit Thomas Engers „Sterblich“ sicherlich nichts falsch. Der Plot ist gut konstruiert und spannend erzählt, die Hauptfigur ist vielschichtig und sympathisch und das Buch hat genau die richtige Länge: Lang genug für die nötige Tiefe aber gleichzeitig durchgehend kurzweilig, auch wenn der Autor seine Geschichte auf eher ruhige Art und Weise erzählt. Die Geschichte bietet zwar nicht viel Neues, hat aber auch keine gravierenden Schwachpunkte und hat in der Hörbuchfassung auch noch den Pluspunkt der sehr guten Lesung von Matthias Brandt. Für die nun bald kommenden Herbsttage ist „Sterblich“ daher allemal eine Empfehlung wert – ich jedenfalls freue mich schon auf den Nachfolger und einen weiteren Fall mit Henning Juul.

Meine Wertung: 8/10

Informationen:
Das Hörbuch “Sterblich” hat eine Länge von 11 Std. und ist ungekürzt für 20,95 Euro bei audible.de erhältlich. Eine auf 7 Std. und 31 Min. gekürzte Fassung gibt es bereits für 13,95 €. Im Flexi-Abo kostet beide Versionen natürlich wieder nur die gewohnten 9,95 Euro. Weitere Infos gibt es auf der Detail-Seite bei audible.de.