Es ist eigentlich nur ein Set von bemalten oder bedruckten Papierkärtchen, trotzdem hat das Kartenspiel in seiner Historie schon über unzählige Schicksale entschieden. Seit Jahrhunderten sind Menschen von der Macht des Spiels fasziniert und auch wenn Poker, Skat, Doppelkopf oder Mau-Mau für die meisten lediglich zum kurzweiligen Zeitvertreib dienen, so stürzen die Karten immer wieder diejenigen ins Verderben, die sich dem Reiz des Glücksspiels nicht mehr entziehen können und Haus und Hof im Kasino oder in dunklen Hinterzimmern verspielen. Daher wurde das Kartenspiel früher von der Kirche als „Des Teufels Gebetbuch“ verdammt – eine Bezeichnung, die den deutschen Bestsellerautor Markus Heitz für seinen gleichnamigen Urban-Mystery-Thriller inspiriert hat.

Supérieur – das Russisch Roulette der Kartenspiele

Für sein neues Buch hat Heitz einen immensen Aufwand betrieben und nicht nur umfassend die Geschichte des Kartenspiels recherchiert (wie der ausführliche Anhang zu „Des Teufels Gebetbuch“ zeigt), sondern sogar eine eigene Variante des Spiels erfunden. Das „Supérieur“ folgt dabei recht einfachen Regeln und besteht im Prinzip lediglich darin, nach drei Runden die höchste Spielkarte in der Hand zu halten, allerdings sorgt eine „historische“ Spielweise für einen Nervenkitzel der besonderen Art: Zieht ein Spieler das Pik-Ass, so muss dieser nicht nur das Spiel sofort verlassen, sondern bezahlt den Einsatz zudem mit seinem Leben – immerhin bleibt ihm die Wahl, ob er den Freitod wählt oder lieber umgebracht wird.

Ein mysteriöses Kartenspiel fordert seine Opfer…

Eine derart tödliche Spielrunde bildet auch den Einstieg in die Geschichte, als sowohl in Monaco als auch im baden-württembergischen Baden-Baden zwei Spieler dem Fluch des Pik-Ass zum Opfer fallen und die mysteriösen Todesfälle nicht lange unentdeckt bleiben. Eher unfreiwillig in diese Ereignisse hineingezogen wird der Kasino-Mitarbeiter Tadeus Boch, ein ehemaliger Spieler, den die Spielsucht in den privaten und finanziellen Ruin gestürzt hat und der nun als Aufpasser dafür sorgt, dass es an den Spieltischen mit rechten Dingen zugeht und niemand Ärger macht. Für einen Suchtkranken scheint eine derartige Beschäftigung zwar ein Spiel mit dem Feuer zu sein, trotzdem schlägt sich Boch bei seiner Rekuperation durchaus achtbar – bis er durch Zufall auf eine ganz spezielle Spielkarte mit hohem Wert und einer äußerst ungewöhnlichen Ausstrahlung stößt, und er sich plötzlich in einem rasanten Spiel auf Leben und Tod wiederfindet.

Eine Hetzjagd über die halbe Welt

Markus Heitz hat seine Wurzeln bekanntermaßen im Fantasy-Genre, trotzdem gab es von ihm gerade in jüngerer Vergangenheit auch immer wieder Abstecher in die Thriller-Sparte, so z.B. mit der „Exkarnation“-Dilogie, der Götter-Action „AERA“ oder „Oneiros – Tödlicher Fluch“. Das Besondere dabei: Viele dieser Bücher waren miteinander verknüpft und boten häufig wiederkehrende Charaktere oder inhaltliche Überschneidungen. „Des Teufels Gebetbuch“ erzählt jedoch eine eigenständige Geschichte und erfordert keinerlei Vorkenntnisse, was aber nicht bedeutet, dass die Handlung deshalb einfacher gestrickt wäre: Schon früh führt der Autor eine Vielzahl an Figuren ein und springt von Schauplatz zu Schauplatz, sodass von Beginn an hohe Aufmerksamkeit gefragt ist, um in der durchaus etwas hektischen Anfangsphase nicht bereits den Faden zu verlieren. Dabei reicht die Geschichte sogar zurück bis ins 18. Jahrhundert, wo ein Kartenmacher in Leipzig mit einer ganz besonderen Arbeit beauftragt wird und sein Leben der Anfertigung eines außergewöhnlichen Sets von Spielkarten widmet.

Weniger wäre mehr gewesen

Für Unterhaltung und Kurzweil scheint also gesorgt, trotzdem wollte der Funke bei „Des Teufels Gebetbuch“ nicht so wirklich auf mich überspringen. Durch die hohe Komplexität wirkt das Buch gerade in der ersten Hälfte hoffnungslos überladen und so dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis sich die Geschichte etabliert und halbwegs in geordneten Bahnen verläuft. Gerade die vielen Zeit- und Ortswechsel hemmen ein wenig den Erzählfluss, wobei für mich der historische Handlungsstrang wegen seiner dichten Atmosphäre und der Verknüpfung der Story mit realen Persönlichkeiten noch eine der Stärken des Romans darstellte. Zudem ist das Buch mit mehr als 600 Seiten viel zu lang geraten, weil es Markus Heitz nicht gelungen ist, eine Geschichte zu entwickeln, die auch über einen längeren Zeitraum zu fesseln vermag. Die Handlung läuft nämlich häufig nach dem gleichen Schema ab und besteht im Kern aus einer simplen Schnitzeljagd durch die halbe Welt, bei der sich die einzelnen Stationen aber lediglich durch den Schauplatz selbst unterscheiden und der sonstige Ablauf sowie die Actionszenen für so manche Wiederholung sorgen.

Spannende Ausgangsidee, subobtimale Umsetzung

Das ist ein wenig schade, denn die Ausgangsidee dieses Romans ist durchaus interessant und es ist beachtenswert, wie viel Arbeit der Autor in diesen Roman gesteckt hat. Gerade das erfundene Kartenspiel „Supérieur“ zählt zu den Höhepunkten der Geschichte und sorgt für Spannung und Dramatik, sodass man sich gerne noch mehr Szenen an den Spieltischen gewünscht hätte – diese haben nämlich trotz ihrer Einfachheit eine viel höhere Intensität als die vielen hektischen Actionsequenzen zusammengenommen. Was die Heitz-typischen Fantasy-Elemente betrifft, so sind diese sicherlich Geschmacksache: Fans werden sich bestimmt über die fast schon magische Ausstrahlung von Spielkarten freuen, ich persönlich konnte mich damit nicht so wirklich anfreunden und hätte mir eher die aus „Oneiros“ oder „Totenblick“ bekannten Mystery-Elemente gewünscht statt ins Fantastische abzudriften. Auch die Charaktere fielen meiner Ansicht nach etwas blass aus, sodass ich nicht unbedingt eine enge Bindung zu ihnen aufbauen konnte. Somit blieb „Des Teufels Gebetbuch“ insgesamt leider doch recht deutlich unter meinen Erwartungen zurück und war für mich gerade im Mittelteil viel zu langatmig, auch wenn das solide Ende dafür ein wenig entschädigen konnte.

Des Teufels Gebetbuch
  • Autor:
  • Umfang: 672 Seiten
  • Verlag: Droemer-Knaur
  • Erscheinungsdatum: 1. März 2017
  • Preis Broschiert 16,99 €/eBook 14,99 €
Cover:
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Gesamt:
6/10
Fazit:
"Des Teufels Gebetbuch" besticht mit einer spannenden Ausgangsidee und einem mit viel Aufwand inszenierten und gut recherchierten Abenteuer rund um die Faszination des Kartenspiels, allerdings wirkt die Handlung häufig viel zu hektisch und überladen und folgt oft dem immer gleichen Schema, sodass trotz der eigentlich temporeichen Geschichte gerade in der Mitte des Buches einige Längen das Lesevergnügen trüben.

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2 Antworten zu diesem Beitrag

  • Witzig, gerade als ich deine Rezension im Reader hatte hat mein Mann das Hörbuch davon in den Einkaufskorb gelegt. Das muss ein Zeichen sein! 😀
    Deiner Rezi nach zu urteilen scheint es ja auch recht spannend zu sein.Freue mich drauf!

  • Hey Sebastian,
    irgendwie scheint Dich das Buch nicht so wirklich gefangen zu haben. Bisher hab ich wirklich damit geliebäugelt, aber nun bin ich davon überzeugt, dass diese Geschichte nicht meine Kragenweite ist. „Ganz nett“ reicht mir da irgendwie nicht aus. Wobei es rein äußerlich echt der Hammer ist.

    Alles Liebe, Nelly