IMG_5770
Von der fanatisch religiösen Mutter einer normalen Kindheit beraubt, sieht sich eine Teenagerin täglich dem Spott ihrer Mitschüler ausgesetzt – bis sie zurückschlägt…

Carrietta White ist zwar 16 Jahre alt, hinkt in ihrer Entwicklung aber weit hinter ihren gleichaltrigen Schulkameraden zurück – was vor allem auf ihre streng gläubige Mutter zurückzuführen ist, die ihre Tochter von der Geburt an für ihre eigenen Sünden büßen lässt. Denn Carrie wurde überhaupt nur geboren, weil Margaret White vor Jahren selbst der fleischlichen Lust für einen Moment nicht widerstehen konnte und sich in einem Anfall von Schwäche ihrem damaligen Freund hingab. Um diesen Fehltritt vor Gott wieder auszubügeln, lebt sie seitdem radikal nach ihren Grundsätzen des christlichen Glaubens – und verlangt dies auch von ihrer jugendlichen Tochter.

Der tägliche Horror der Carrie White

Für Carrie hat dies zur Konsequenz, dass sie von klein auf in der Schule in die Außenseiterrolle gedrängt wird. Niemand will mit dem sonderbaren Mädchen etwas zu tun haben, stattdessen muss die unscheinbare Carrie Tag für Tag mit dem beißenden Spott und den fiesen Hänseleien ihrer Mitschüler leben. Jahrelang pendelt sie so täglich zwischen dem Gefängnis ihrer mütterlichen Erziehung und den ständigen Demütigungen in der Schule, die sie stillschweigend in sich hineinfrisst – bis ein Ereignis das Fass schließlich zum Überlaufen bringt…

Stephen Kings erste Roman-Veröffentlichung

Der Horror-Roman „Carrie“ entstand bereits 1974 und war damals das erste veröffentlichte Buch des US-Autors Stephen King sowie gleichzeitig der Grundstein einer beispiellos erfolgreichen Schriftstellerkarriere. Zwei Jahre später kam bereits die Verfilmung des Werkes mit Sissy Spacek und John Travolta in die Kinos und knapp drei Jahrzehnte später ist nun vor wenigen Tagen eine weitere filmische Umsetzung der Buchvorlage in den Kinos angelaufen – diesmal mit Chloë Grace Moretz in der Hauptrolle der gemobbten High-School-Schülerin Carrietta „Carrie“ White. Für mich wieder einmal ein Anlass, endlich auch mal das zugrunde liegende Buch zu lesen bzw. das Hörbuch zu hören.

Für Protagonistin und Leser gleichermaßen schmerzhafter Einstieg

Für King-Verhältnisse einigermaßen überraschend ist dabei der recht geringe Umfang des Buches, denn mit knapp 300 Seiten bzw. rund 9 Hörbuchstunden gehört „Carrie“ eindeutig zu den kürzeren Werken des Amerikaners. Das kommt mir persönlich aber recht gelegen, da King sich dadurch hier nicht groß mit ausschweifenden Einleitungen aufhält, sondern direkt ins Geschehen springt – und das fällt für Leser und Protagonistin wohl gleichermaßen schmerzhaft aus. Man ist nämlich hautnah dabei, wie Carrie beim Sportunterricht mitten in der Umkleidekabine ihre erste Periode bekommt – vor allen Mitschülerinnen und im durchaus fortgeschrittenen Alter von 16 Jahren. Da Carries Mutter zudem in ihrem religiösen Fanatismus komplett auf eine sexuelle Aufklärung ihrer Tochter verzichtet hat, hat das Mädchen keine Ahnung wie ihm geschieht und erleidet eine Panikattacke, da sie glaubt, sie müsse verbluten. Was beim Lesen schon sehr unangenehm ist, ist für die Hauptfigur der blanke Horror: Aufgrund ihrer zurückgebliebenen Entwicklung ist sie eh schon Mobbing-Opfer Nr. 1 an der High School, doch dieses Erlebnis im Duschraum stellt noch einmal eine neue Dimension der Demütigung dar.

Mobbing und Demütigungen, bis das Fass schließlich überläuft

Ich habe nun in meinem Leben schon ein paar King-Romane gelesen bzw. gehört, aber wohl keiner davon hatte einen derart starken und wuchtigen Auftakt wie „Carrie“. Eine einzige Szene reicht aus, um sich voll in die Protagonistin hineinzuversetzen und ihre schmerzliche (Gesamt-)Situation nachvollziehen zu können – auch wenn Carrie selbst für den Leser nicht gerade die große Sympathieträgerin ist. Dafür ist sie – so brutal es auch klingen mag – einfach zu seltsam, woran sie selbst aber keine Schuld trifft, wie man als Leser wenig später feststellen wird, sobald man die Bekanntschaft mit Carries strenger und von ihrem Glauben nahezu besessener Mutter macht. Allerdings verfügt das Mädchen über eine seltene Gabe, die sie gegenüber ihrer Mutter und den sie hänselnden Schülern nicht völlig wehrlos macht – dazu muss sie sich aber erst selbst des Ausmaßes ihrer besonderen Fähigkeiten bewusst werden…

Zu simpler und vorhersehbarer Plot

„Carrie“ ist ein durchaus packender und kurzweiliger Horror-Roman, hat in meinen Augen aber vor allem ein großes Problem: Die Handlung ist einfach zu simpel gestrickt. Wenn man ehrlich ist, fasst bereits der kurze Klappentext des Buches die Story perfekt von Anfang bis Ende zusammen – denn viel mehr hat der Plot inhaltlich auch tatsächlich nicht zu bieten. Hier verwundert es dann auch nicht mehr, wenn man im Nachwort erfährt, dass der Roman ursprünglich als Kurzgeschichte verfasst wurde und erst nachträglich auf den dreifachen Umfang aufgeblasen wurde. Es gibt so gut wie keine Nebenplots und die Geschichte folgt streng und geradlinig der durch den Klappentext vorgegebenen Richtung, mit gerade mal minimalen Ausschlägen. Das ist nicht wirklich schlimm, reicht aber für mich auch bei weitem nicht aus, um „Carrie“ als Meilenstein der Horrorliteratur bezeichnen zu können. Wirklich spannend oder unheimlich ist das Buch nämlich nur selten, und dann bis auf das explosive und drastische Finale auch auf einer weitestgehend subtilen Ebene. Das ist zwar z.B. auch bei Stephen Kings „Shining“ der Fall, dort ist der psychologische Horror meiner Meinung nach jedoch um ein vielfaches wirkungsvoller und beängstigender.

Außerdem schießt sich King mit seiner Erzählweise selbst ein wenig ins eigene Knie. Um „Carrie“ auf Romanlänge aufzustocken, hat der Autor nämlich nachträglich noch einige dokumentarisch anmutende Berichte wie Zeitungsartikel, Gerichtsprotokolle oder Ausschnitte aus fiktiven Biografien der Nebencharaktere hinzugefügt. Leider nehmen diese häufig bereits einen entscheidenden Teil der Handlung vorweg, sodass man eigentlich schon früh ziemlich genau weiß, wie die Geschichte enden wird. Das geht sogar so weit, dass in diesen Reportagen verraten wird, welche Figur das Ende des Romans noch erleben wird und welche vorzeitig den Abgang macht – effektiver Spannungsaufbau sieht definitiv anders aus, wenngleich die verschiedenen Blickwinkel manchmal aber auch eine willkommene Abwechslung bieten und die Geschichte etwas abrunden.

Hörbuchversion mit Agent Scully

Ein paar Worte noch zur Hörbuchumsetzung: „Carrie“ zählt zu den wenigen Stephen-King-Romanen, die in der Hörbuchfassung nicht von David Nathan gelesen werden, der sich mittlerweile als Stammsprecher der King-Werke etabliert hat. Während er bei „Shining“ absolut würdig von Dietmar Wunder vertreten wurde, hat nun Franziska Pigulla die Rolle der Erzählerin übernommen. Diese kennt man wohl vor allem als deutsche Synchronstimme von Gillian Anderson in der Fernsehserie „Akte X“ (Agent Dana Scully). Ich stand dem Hörbuch aufgrund der weiblichen Sprecherin zunächst etwas skeptisch gegenüber, meine Zweifel konnten aber weitestgehend recht schnell beseitigt werden. Ich möchte fast sogar so weit gehen, die reine Erzählstimme Pigullas in meiner persönlichen Favoritenliste an die Spitze der weiblichen Sprecherinnen zu stellen, denn diese ist wirklich sehr angenehm und fängt die Stimmung der Geschichte passend ein. Schwierig wird es allerdings, wenn die Sprecherin in verschiedene Rollen schlüpfen muss, womit vor allem die Parts aus Carries Sicht oder der ihrer Mutter gemeint sind. Hier klingt Pigullas Stimme oft merkwürdig verzerrt und wirkt häufig befremdlich und unpassend. Seltsamerweise betrifft dies aber ausschließlich die weiblichen Charaktere, mit männlichen Rollen scheint die Sprecherin aufgrund ihrer vergleichweise tiefen und markanten Stimme weniger Probleme zu haben. Insgesamt aber trotz der angesprochenen Schwächen eine immer noch überzeugende Sprecherleistung, sodass man bedenkenlos zur Hörbuchfassung greifen kann.

Fazit:
Oft verstörender und wuchtiger, insgesamt aber auch sehr simpel gestrickter Horror-Roman, der häufig leider zu vorhersehbar ist (7/10).

Carrie
Autor: Stephen King; Sprecherin: Franziska Pigulla; Originaltitel: Carrie; Spieldauer: 9 Std. (ungekürzt); Anbieter: Lübbe Audio; Veröffentlicht: 18. Mai 2012; Preis: 7,95 €.

Link zum Hörbuch


Fatal error: Uncaught Error: Call to undefined function MRP_show_related_posts() in /www/htdocs/w00e036f/buechermonster/wp-content/themes/Monster/single.php:19 Stack trace: #0 /www/htdocs/w00e036f/buechermonster/wp-includes/template-loader.php(78): include() #1 /www/htdocs/w00e036f/buechermonster/wp-blog-header.php(19): require_once('/www/htdocs/w00...') #2 /www/htdocs/w00e036f/buechermonster/index.php(17): require('/www/htdocs/w00...') #3 {main} thrown in /www/htdocs/w00e036f/buechermonster/wp-content/themes/Monster/single.php on line 19