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Eine von der Liebe enttäuschte junge Frau findet Trost in einem Roman und setzt alle Hebel in Bewegung, um den Autor kennenzulernen, der sie mit seinem Buch so fasziniert und ihr aus ihrer Depression herausgeholfen hat. Klingt nach kitschiger und vorhersehbarer Liebesschnulze? Ist es im Grunde genommen auch, Spaß macht „Das Lächeln der Frauen“ aber trotzdem.

Aurélie Bredin ist am Boden zerstört: Ihr Freund Claude hat sie soeben verlassen und eine Notiz mit der Erklärung, er habe sich in eine andere Frau verliebt, ist das einzige, was ihr von der Beziehung noch geblieben ist. Wütend und enttäuscht zieht Aurélie ziellos durch die Straßen von Paris und landet schließlich eher zufällig in einer kleinen Buchhandlung, wo sie den Roman eines englischen Autors entdeckt. Wieder zuhause beginnt sie mit der Lektüre und ist schon nach wenigen Sätzen völlig von ihr eingenommen: Der Autor scheint ihr förmlich aus der Seele zu sprechen und so verliert sich die junge Frau so sehr in der Romanhandlung, dass sie das Buch noch in der gleichen Nacht durchliest. Was sie besonders fasziniert: Es scheint fast so, als wäre die Hauptfigur der Geschichte ein Ebenbild von ihr, zudem spielt die Handlung teilweise in Aurélies kleinem Restaurant „Le temps des cerises“. Die Französin ist daraufhin fest entschlossen, den Autor ausfindig zu machen und ihm seinen Dank auszusprechen sowie ihn zu dieser auffälligen Ähnlichkeit auszufragen.

Alles beginnt mit einem Buch…

Jener geheimnisvolle Autor sorgt zur gleichen Zeit auch bei André Chabanais für Herzklopfen – allerdings aus einem ganz anderen Grund: Chabanais ist der Lektor des Engländers Robert Miller, dessen Roman „Das Lächeln der Frauen“ für einen großen Überraschungserfolg gesorgt hat. Der Verlag ist von seiner Neuentdeckung begeistert und so bekommt André den Auftrag, eine Lesung mit dem neuen Stern am Autorenhimmel in Paris zu arrangieren. Sein Einwand, Robert Miller sei sehr öffentlichkeitsscheu und zöge es vor, lieber in seinem gemütlichen englischen Cottage zu verweilen statt sich aufdringlichen Medien und schwärmenden Fans auszusetzen, wird von seinem Vorgesetzten knallhart abgeschmettert. André Chabanais hat keine Wahl: Er muss den Engländer nach Paris holen und zu einer Lesung bewegen – was sich nahezu als ein Ding der Unmöglichkeit erweist, denn es gibt in Bezug auf Robert Miller ein Geheimnis, vom dem nur André und Millers Agent wissen…

Achtung, Schnulze!

Ihr werdet beim Lesen dieser Zeilen nun vermutlich denken „Huch, ein Liebesroman?“, schließlich gibt es an dieser Stelle sonst meist Rezensionen zu Krimis und Thrillern, aber nicht zu romantischen Kitsch-Romanen. Nun habe ich den April aber für mich zu einem speziellen Lesemonat gemacht und wage unter dem Motto „Read different“ Ausflüge in mir eher fremde Genres. Da ich aus dem letzten Sommer noch den Gratis-Download von Nicolas Barreaus Sommerroman „Das Lächeln der Frauen“ in meiner Hörbuchbibliothek hatte, war dies also die perfekte Gelegenheit, um den Titel von seinem Dasein als „SUB-Leiche“ zu erlösen.

Ich ging also mit sehr geringen Erwartungen an das Buch heran und sah mich in den ersten Minuten mit meiner Zurückhaltung auch bestätigt. Eine junge Französin wird von ihrem ach so aufregenden Liebhaber sitzengelassen, heult sich bei ihrer Freundin aus, gemeinsam verdammen die beiden die gesamte Männerwelt und die Protagonistin rennt anschließend heulend durch Paris – gähn. Zu meiner Überraschung war es das dann aber erst einmal mit Herzschmerz und den großen Gefühlen, stattdessen machen wir Bekanntschaft mit einem launischen Lektor und seinem anstrengenden Alltag: Verlagsmeetings werden abgehalten, Literaturagenten müssen kontaktiert und Autorenlesungen organisiert werden. Dem Buchliebhaber bietet sich hier also ein interessanter, wenngleich etwas arg oberflächlicher Einblick in die Verlagsbranche. Eine wichtige Rolle in diesem Szenario spielt dabei ein weitestgehend unbekannter englischer Autor, um dessen Identität bisher ein großes Geheimnis gemacht wurde – mit Recht, wie sich dem Hörer schnell offenbart.

Klischeebehaftet und vorhersehbar, aber überraschend unterhaltsam

Viel mehr möchte ich zur Geschichte auch eigentlich gar nicht verraten, denn sonst würde ich eine der ohnehin rar gesäten Überraschungen vorwegnehmen. Das ist nämlich der große Schwachpunkt der Geschichte: Die Handlung ist wirklich unglaublich vorhersehbar und alles andere als eine literarische Meisterleistung. Spätestens nach der ersten Stunde kann man sich ungefähr denken, wie die Story verläuft und auch wie sie endet, dafür ist das Buch einfach zu sehr in seinen Genreklischees gefangen. Das lässt sich jedoch völlig unter den Teppich kehren, denn „Das Lächeln der Frauen“ entpuppt sich trotzdem als unerwartet gute Unterhaltung. Die Geschichte um einen geheimnisvollen Autor, eine für ihn schwärmende junge Frau und einen pfiffigen Lektor, der als Vermittler zwischen den beiden fungiert und nebenbei seine eigenen Interessen verfolgt, ist lockerleicht geschrieben und über weite Strecken äußerst amüsant. Abwechselnd begleitet man André Chabanais und Aurélie Bredin bei ihren Erlebnissen, wobei der Fokus hier etwas mehr auf dem Lektor liegt – was mir persönlich sehr entgegenkam, denn dessen Bemühungen und Verrenkungen zu verfolgen ist augenzwinkernde und sehr angenehme Unterhaltung. Erfreulicherweise ist der Roman auch über große Teile weitestgehend schmalzfrei, dafür fährt Barreau dann aber in der letzten Stunde das volle Kitsch-Repertoire auf – für mich persönlich wird der Bogen hier überspannt, für die Zielgruppe des Buches ist das aber vermutlich genau das, was vom Autor erwartet wird. Etwas schade ist lediglich, dass das vielversprechende Setting ein klein wenig auf der Strecke bleibt – aus der „Stadt der Liebe“ hätte man gerne noch etwas mehr herausholen können.

Sehr gut harmonierendes Sprecherduo

Positiv hervorzuheben ist auch noch die Sprecherleistung, die hier auf zwei Schultern verteilt wird. Die Passagen der Aurélie Bredin werden von Schauspielerin Stefanie Stappenbeck gelesen, die ihre Sache durchaus ordentlich macht und gut zur oft etwas naiv wirkenden Protagonistin passt. Bei allen Bemühungen sieht sie aber im Vergleich zu ihrem männlichen Partner blass aus, denn was Andreas Fröhlich (der „Bob Andrews“ von den „Die drei ???“-Hörspielen und dt. Synchronstimme von John Cusack und Edward Norton) als launischer Lektor aufs Parkett zaubert, ist ganz großes Kino. Fröhlichs Lesung ist wunderbar lebhaft, oft ein wenig verschmitzt und immer den Stimmungen der Hauptfigur entsprechend – klasse. Einziger kleiner Wermutstropfen bei beiden Sprecherrollen: Der von beiden gespielte englische Akzent des Autors ist doch sehr gewöhnungsbedürftig und wirkt eher unfreiwillig komisch denn glaubwürdig, aber das sei den beiden großzügig verziehen. Noch eine kleine Randnotiz zum Schluss mit Mini-Spoiler-Warnung: Die Handlung weist erstaunliche Parallelen zum Autor von „Das Lächeln der Frauen“ auf. Wer genaueres wissen will, kann ja gerne mal „Nicolas Barreau“ googeln und wird dabei vermutlich auf überraschende Ergebnisse stoßen…

Fazit:
Brutal vorhersehbarer Liebesroman, der durch die amüsante Erzählweise und die sympathischen Charaktere trotzdem bestens unterhält. Kein Kandidat für den Literatur-Nobelpreis, aber ein kurzweiliger Kurztrip in die Stadt der Liebe, dem man einen gewissen Charme nicht absprechen kann (7/10).

Hörbuchcover
Autor: Nicolas Barreau; Sprecher: Andreas Fröhlich, Stefanie Stappenbeck; Spieldauer: 06 Std. 15 Minuten (gekürzt); Anbieter: HörbucHHamburg HHV GmbH; Veröffentlicht: 2011; Preis: 13,95 €.

Link zum Hörbuch


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2 Antworten zu diesem Beitrag

  • Ach, hast du’s durchgehalten? 😉

    Ich stimme dir voll zu – vorhersehbar und alles andere als anspruchsvoll, aber unterhaltsam. Und ich bin überzeugt, dass das auch wesentlich an Andreas Fröhlichs toller Lesung liegt. Der war hier wirklich außergewöhnlich gut drauf.
    Mir hätte das in der gedruckten Version bestimmt weniger gefallen.

    Übrigens – weitere „Barreau’s“ *hust* kannst (und wirst du bestimmt) dir sparen. Besser als der hier wird’s nicht – eher schlechter.

    • Du liegst richtig, mein Bedarf an Kitschromanen ist damit erst einmal für die nächsten Monate gedeckt 😀

      Ich glaube auch dass mir die Buchversion nicht so gut gefallen hätte wie die Hörbuchfassung. Ich fand ja schon die weiblichen Passagen etwas schwächer und habe immer förmlich auf den nächsten Part von Andreas Fröhlich hingefiebert.

      Ich muss unbedingt mal nach weiteren Hörbüchern mit diesem Sprecher schauen^^