Am 4. September 2009 forderte der Oberst einer im afghanischen Kundus stationierten Bundeswehreinheit einen Luftschlag durch US-amerikanische Flugzeuge auf zwei von Taliban-Kämpfern entführte Tanklastwagen an, nachdem es zuvor immer wieder Hinweise dafür gegeben hatte, dass die Terroristen auf solche Weise Attentate gegen die internationalen Truppen ausführen könnten. Der angeordnete Bombenabwurf auf die Fahrzeuge endete jedoch in einer Katastrophe, bei der mehr als 100 Zivilisten – darunter auch viele Kinder – getötet oder verletzt wurden. Der Luftangriff ging als einer der größten Fehlschläge in die jüngere Bundeswehrgeschichte ein und hatte drastische Konsequenzen – unter anderem den Rücktritt des damaligen Bundesverteidigungsministers Franz Josef Jung – zur Folge.

Militärischer Fehlschlag in Afghanistan – von der Realität zur Fiktion

Was für die Bundeswehr zu einem äußerst dunklen und unrühmlichen Kapitel wurde, inspirierte den Schriftsteller und Drehbuchautor Achim Zons zu seinem Roman „Wer die Hunde weckt“, dessen Ausgangssituation sehr stark dem desaströsen Luftschlag von Kundus ähnelt: aus dem realen Oberst Klein wurde der deutsche Kommandeur Robert Westphal und aus Tanklastern wurde ein mit Kindern besetzter LKW, der am afghanischen Taloqan River von amerikanischen Piloten bombardiert wurde – in der falschen Annahme, dass dieser Transporter feindliche Taliban-Kämpfer beherbergte. Für die Bundeswehr und die Bundesregierung ein politischer Albtraum, dessen Details und Hintergründe möglichst unter keinen Umständen an die Öffentlichkeit kommen sollen, weswegen das „Amt für Schadensbegrenzung“ umgehend den verantwortlichen Oberst Westphal aus Afghanistan abziehen und aus der Schusslinie nehmen will – dieser taucht nach seinem fatalen Kommando aber selbst erst einmal unter. Zudem scheint es für eine völlige Vertuschung des Debakels schon zu spät, da die ersten Zeitungen bereits Wind von dem Fehlschlag bekommen haben und ihre Top-Journalisten auf den Fall ansetzen – einer davon ist der deutsche Auslandsreporter David Jakubowicz, der zum Zeitpunkt des Luftschlags gerade in Hongkong stationiert ist und von Achim Zons zur Hauptfigur seines Politthrillers auserkoren wurde. Dabei hat David gerade eigentlich auch schon genug Sorgen, überlebte er doch Stunden zuvor erst einen als Autounfall getarnten Anschlag, bei dem seine Fahrerin – eine CIA-Agentin mit offenbar heiklen Informationen für den Journalisten – ums Leben kam…

Vertuschung oder Enthüllung – ein Kampf mit der Wahrheit

Wie man bereits am Ausgangsszenario von „Wer die Hunde weckt“ erkennen kann, hat man es hier mit einer durchaus komplexen Geschichte zu tun, die zwar den Bombenangriff in Afghanistan zum Aufhänger und Auslöser hat, sich aber über gleich eine Vielzahl von parallel verlaufenden Handlungssträngen erstreckt: zum einen gibt es da den angesprochenen Journalisten David Jakubowicz, der für eine namhafte Münchner Zeitung im Kriegsgebiet die Hintergründe des Fehlschlags ermitteln soll. In direkter Verbindung dazu steht das Geschehen in der auftraggebenden Redaktion, wo es nicht nur um die Jagd nach dem großen journalistischen Coup geht, sondern auch gleich die Zukunft des Zeitungshauses auf dem Spiel steht und die sinkenden Verkaufszahlen drastische Umstrukturierungen fordern. Der dritte größere Handlungsstrang widmet sich der Vertuschung des Luftangriffs und stellt treffenderweise das „Amt für Schadensbegrenzung“ in den Mittelpunkt, wo mit zwielichtigen Methoden alles dafür getan wird, die Geschehnisse vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Das kann gerade am Anfang ein wenig verwirrend sein, weil die Zusammenhänge zum einen nicht immer gleich ersichtlich sind und man zu Beginn mit einer Vielzahl an Namen konfrontiert wird, die man erst einmal einordnen muss. Zudem ist Achim Zons sichtlich bemüht, seine Geschichte von allen nur erdenklichen Seiten zu beleuchten, was zum einen für eine sehr authentische Darstellung der Ereignisse sorgt, andererseits aber auch zu einer Reihe von Nebenkriegsschauplätzen (z.B. den Problemen einer jungen Journalistin im knallharten Redaktionsalltag) führt, was für den Erzählfluss gelegentlich etwas hinderlich ist.

Ein interessanter, aber etwas überladener Politthriller

„Wer die Hunde weckt“ profitiert viel von den persönlichen journalistischen Erfahrungen des Autors, der selbst viele Jahre für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet hat, und zeichnet vor allem ein interessantes Bild der deutschen Medienlandschaft, welches zuweilen durchaus besorgniserregend und erschreckend ausfällt: so scheint ein Menschenleben manchmal nur so viel Wert zu sein wie die Überschrift der nächsten Enthüllungsstory und ausländische Korrespondenten werden knallhart fallengelassen, wenn diese für die Berichterstattung nicht mehr von Nutzen sind – ohne Rücksicht darauf, welchen Einsatz diese für die Beschaffung der geforderten Informationen auf sich genommen haben. Auch der Bezug zu realen Ereignissen, allen voran der eingangs erwähnte Luftangriff von Kundus, trägt zur Spannung des Buches bei. Allerdings wartet man bei der Geschichte die ganze Zeit auf die ganz große Enthüllung, die dem Fall noch einen raffinierten Twist verpasst – und dieser bleibt letztlich leider ein wenig hinter den Erwartungen zurück und fällt wenig aufregend aus. So ist „Wer die Hunde weckt“ letztlich ein guter und spannender Politthriller mit hoher Authentizität und brisanter aktueller Thematik, den ganz großen Scoop verpasst Achim Zons aber aufgrund der leichten Überfrachtung der Geschichte und der eher lauen Auflösung. Dennoch lohnt die Lektüre sich für Fans von Journalismus-Krimis allemal – vor allem in der Hörbuchfassung, die wieder einmal mitreißend von Deutschlands Top-Sprecher David Nathan gelesen wird.

Vielen Dank an Der Audio Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars! Link zum Buch

Wer die Hunde weckt
  • Autor:
  • Sprecher: David Nathan
  • Länge: 12 Std. 10 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Audio Verlag
  • Erscheinungsdatum: 10. Februar 2017
  • Preis MP3-CD 13,99 €
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
7/10
Fazit:
Achim Zons liefert mit "Wer die Hunde weckt" einen spannenden und auf wahren Begebenheiten Politthriller mit einem interessanten Blick auf die Interna der Medienlandschaft und reizvoller aktueller Thematik, bei der Bemühung um eine möglichst umfassende Darstellung der Ereignisse gerät die Geschichte jedoch etwas überladen und verpasst zudem einen überzeugenden Höhepunkt.

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Eine Anwort zu diesem Beitrag

  • Von Maraia am 10. Aug 2017 um 14:33

    Es ist peinlich, wie wenig ich am Angfang verstanden habe. Es ist auf jeden Fall gut, dass ich es abgebrochen habe, auch wenn du es nicht so schlecht fandest.