Im Krimi- und Thriller-Genre geht es im Allgemeinen ja eher düster zu: ohne Mord und Totschlag kommt kaum ein Spannungsroman aus und gerade die Thriller-Autoren versuchen oft, sich mit immer grausameren Todesarten und brutaleren Killern gegenseitig zu überbieten.

Dass aber auch in diesem Bereich nicht immer alles bierernst sein muss und man bei der literarischen Verbrecherjagd gerne auch mal lachen darf, versuchen in dieser Ausgabe von „Kurzer Prozess“ gleich drei Krimi-Komödien unter Beweis zu stellen. In „Durch Nacht und Wind“ wandeln Goethe und Schiller auf den Spuren von Sherlock Holmes und Dr. Watson, Dietrich Fabers Ermittler Henning Bröhmann sieht sich in „Hessen zuerst!“ mit einer ausgewachsenen Flüchtlingskrise konfrontiert und bei „Mieze Undercover“ dürfte das Herz von Daniela-Katzenberger-Fans höher schlagen. Ob diese Krimis überzeugen können oder zum unlustigen Rohrkrepierer werden, erfahrt ihr in den nachfolgenden Kurzrezensionen 😉

DURCH NACHT UND WIND von Stefan Lehnberg, gelesen von Oliver Kalkofe

Wer zu Schulzeiten die berüchtigten gelben Reclam-Heftchen schon nicht als Unterrichtsmaterialien, sondern als moderne Folterelemente betrachtet hat und immer noch der Erwähnung berühmter literarischer Werke wie „Faust“ oder „Die Räuber“ in Sekundenschlaf fällt, der muss jetzt ganz stark sein: wie man es dem der Ballade vom Erlkönig angelehnten Titel bereits entnehmen kann sind die Protagonisten in Stefan Lehnbergs Roman „Durch Nacht und Wind“ keine geringeren als die beiden vielleicht bekanntesten deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Die beiden historischen Persönlichkeiten ermitteln hier aber nicht etwa gemeinsam auf der Suche nach dem perfekten Versmaß, sondern bekommen es im Weimar des späten 18. Jahrhunderts mit einem äußerst skurrilen und mysteriösen Fall zu tun: der Großherzog von N. bittet die beiden Freunde um Hilfe, weil er einen beunruhigenden Brief erhalten hat, in welchem ein Professor behauptet, dass der wertvolle Smaragdring des Adeligen mit einem furchtbaren Fluch beladen sei. Goethe und Schiller halten die Angelegenheit zwar eigentlich für Humbug, da der Großherzog den beiden auf Anhieb aber überaus unsympathisch ist, denken sie aber auch gar nicht daran, dem Mann seine Angst zu nehmen. Als der Großherzog jedoch nur einen Tag später unter äußerst rätselhaften Umständen tot aufgefunden wird, ist die Neugier des schreibenden Duos dann aber doch geweckt und Goethe und Schiller nehmen die Ermittlungen auf…

Goethe und Schiller auf den Spuren von Sherlock Holmes & Dr. Watson

Stefan Lehnberg geht bei seinem ersten Kriminalroman wenig Risiko ein und bedient sich unverkennbar eines bewährten Erfolgskonzepts, denn „Durch die Nacht“ ähnelt sowohl inhaltlich als auch erzählerisch stark den Werken eines gewissen Sir Arthur Conan Doyles. Friedrich Schiller gibt dabei den Dr. Watson und fungiert als Erzähler der Geschichte, der bei den Ermittlungen eher die Rolle des (ebenfalls medizinisch ausgebildeten) Assistenten einnimmt, während Johann Wolfgang von Goethe als leicht exzentrisches Genie in bester Sherlock-Holmes-Manier aus kleinsten Hinweisen die verblüffendsten Erkenntnisse deduziert. Das mag vielleicht wie ein billiger Abklatsch vom großen Vorbild wirken, funktioniert aber hervorragend und so bilden Goethe und Schiller ein wunderbar harmonierendes Ermittlergespann, welches sich mit viel Scharfsinn und feinem Humor durch den Fall kombiniert. Dieser ist dabei durchaus komplex konstruiert und stellenweise wirklich knifflig, sodass sich „Durch die Nacht“ die Bezeichnung „Kriminalroman“ redlich verdient, wenngleich manche Szene wie z.B. eine Verfolgungsjagd im Heißluftballon der Brüder Montgolfier ein wenig übertrieben und unpassend actionreich wirkt. Das tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch, weil Lehnbergs Roman auch atmosphärisch überzeugen kann und die Weimarer Klassik auch in Bezug auf die Sprache gut einfängt. Und weil der Autor seine Geschichte und seine Helden nicht zu ernst nimmt und so beispielsweise der ach so geniale Goethe sich bei der Lösung eines Rätsels partout nicht an ein wichtiges Zitat aus seinem eigenen „Faust“-Epos erinnern kann, weiß man auch als ausgeprägter Lyrik-Allergiker, dass man mit „Durch die Nacht“ auch ohne großes Interesse an deutscher Dichtkunst hier seine Freude haben kann – vor allem mit der kurzweiligen Hörbuchversion, die von Oliver Kalkofe stimmungsvoll und spürbar amüsiert vorgetragen wird. Goethe und Schiller als deutsche Antwort auf Sherlock Holmes und Dr. Watson – gerne mehr davon!

Autor: Stefan Lehnberg | Sprecher: Oliver Kalkofe | Dauer: 5 Std. 34 Min. (ungekürzt)
Erscheinungsdatum: 10.3.2017 | Verlag: Der Audio Verlag | Preis: Audio-CD 6,99 €

HESSEN ZUERST! von Dietrich Faber, gelesen von Dietrich Faber

„Hessen zuerst!“ – das ist nicht nur der Titel des fünften Henning-Bröhmann-Krimis von Dietrich Faber, sondern zugleich auch der Name der neuen Partei, die im hessischen Vogelsberg und Umgebung für Aufruhr sorgt. Das immer noch allgegenwärtige Flüchtlingsthema ist nämlich auch im Umfeld von Titelfigur Henning Bröhmann angekommen und weil auch in der Provinz Hessens viele der alteingesessenen Bewohner den ausländischen Neuankömmlingen mit viel Misstrauen und Ablehnung begegnen, ist auch im vermeintlich so friedlichen Vogelsberg die rechtspopulistische Bewegung im Vormarsch. Mit plumpen Parolen wie „Make Oberhessen great again“ oder „Kartoffelworscht statt Döner“ betreibt die titelgebende Krawall-Partei ihren Wahlkampf und schürt auf billige Weise in der Bevölkerung Angst vor den Flüchtlingen. Auch Hennings Vermieter Rüdi sympathisiert nicht nur mit „besorgten Bürgern“, sondern ist sogar mit vollem Einsatz bei „Hessen zuerst!“ engagiert und strebt plötzlich nach einer politischen Karriere. Als wenig später dann plötzlich der Bürgermeister – der sich zuvor noch klar gegen die Flüchtlinge positioniert hatte – ermordet wird und zwei Asylbewerber aus dem Flüchtlingsheim verschwinden, scheinen die Mörder schnell ausgemacht – doch Henning Bröhmann ahnt schnell, dass der Fall deutlich komplexer ist, als es zunächst den Anschein hat…

Flüchtlingskrise in der hessischen Provinz – Bröhmanns vielleicht heikelster Fall

Dietrich Faber hat sich für seinen fünften Bröhmann-Krimi sicherlich kein leichtes Thema ausgesucht: zum einen dürften viele der seit langer Zeit geführten Flüchtlingsdebatte mittlerweile ein wenig überdrüssig sein, zum anderen läuft man als Autor eines stark humoristisch geprägten Romans schnell Gefahr, sich beim Schreiben zu sehr an gängige Klischees zu klammern und dadurch in populistischen Klamauk abzudriften. Und natürlich spielt auch Faber in „Hessen zuerst!“ viel mit den zu erwartenden Stereotypen und übertreibt an manchen Stellen gezielt, zeichnet aber dennoch ein erschreckend realistisches Bild der derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Situation im Land – ohne allerdings ständig mit erhobenem Zeigefinger den belehrenden Gutmenschen heraushängen zu lassen. Der Autor beschränkt sich nämlich nicht auf einfache Schwarz-Weiß-Malerei, sondern schafft es zwischen lustigen Szenen wie einem misslungenem Väter-Ausflug zum Holzfällen oder einem chaotischen TV-Auftritt von Bröhmanns Musikantentruppe die Geschehnisse umfassend und vielschichtig zu schildern und die verschiedenen Fronten glaubhaft darzustellen. Die Mischung zwischen Komik und Ernst ist genau richtig und gerade zum Ende des Buches hin ist die Geschichte für einen Krimi dieser Kategorie sogar unerwartet dramatisch und emotional. Insgesamt wird der fünfte Bröhmann-Fall somit regelrecht zum Vorzeigebeispiel für das oftmals belächelte Provinzkrimi-Subgenre, denn wie Dietrich Faber beeindruckend beweist muss es nicht immer nur oberflächlicher Klamauk sein: „Hessen zuerst!“ ist jederzeit unterhaltsam, witzig, traurig, überraschend spannend und in der Hörbuchfassung vom Autor selbst grandios gelesen (inklusive hessischer Mundart und fast schon obligatorischer kleiner Gesangseinlage) – bisher eindeutig der beste Band der Henning-Bröhmann-Reihe.

Autor: Dietrich Faber | Sprecher: Dietrich Faber | Dauer: 7 Std. 4 Min. (ungekürzt)
Erscheinungsdatum: 22.9.2017 | Verlag: HERBERT Management | Preis: Hörbuch-Download 12,99 €

MIEZE UNDERCOVER von Mina Teichert

Bei ihrem Roman „Mieze Undercover“ darf Autorin Mina Teichert auf (mehr oder weniger) prominente Unterstützung bauen, denn ihr Krimidebüt kommt mit dem Zusatz „Die Daniela Katzenberger Krimi-Edition“ daher und grüßt dazu passend mit einem knallrosa Cover aus dem Bücherregal. Dies hat den Hintergrund, dass Teichert selbst ein großer Katzenberger-Fan ist und beim Schreiben ihres Buches nicht nur sofort das dauerquasselnde Fernsehsternchen als Hauptfigur vor Augen hatte, sondern auch im Anschluss ihr Manuskript dem „Original“ zum Lesen schickte. Daniela Katzenberger war davon offenbar so begeistert, dass sie die Schirmherrschaft über die Reihe übernahm, deren zweiter und dritter Band bereits in Planung sind. Die Protagonistin des Auftaktromans ist jedoch nicht Katzenberger selbst, sondern Michaela „Mieze“ Moll, ihres Zeichens Hausfrau und Mutter einer dreijährigen Tochter. Weil ihr zuhause aber langsam die Decke auf den Kopf fällt und weder Hausarbeit, Kindererziehung noch der ziemlich oberflächliche Mütter-Stammtisch sie wirklich ausfüllen, entschließt sich Mieze, nach über drei Jahren Pause wieder ins Berufsleben zurückzukehren. Ihr Mann hält davon zwar wenig, ihr Vater – Polizist im Ruhestand – lässt aber seinen Einfluss spielen und vermittelt dem Töchterchen eine Stelle als Bürokraft beim örtlichen Polizeirevier. Dort soll Mieze eigentlich nur Kaffee kochen und ein bisschen Papierkram erledigen, doch schon bald stolpert sie durch ihre Neugier unvorsichtig mitten in eine laufende Ermittlung – und kommt dadurch zu einem unverhofften aber für sie überaus aufregenden Undercover-Einsatz in einer Table-Dance-Bar…

Katzenberger-Klon auf Verbrecherjagd – Klischee-Katastrophe oder seriöser Krimi?

Wenn man nicht gerade Fan von Daniela Katzenberger ist, lassen die Vermarktung und Gestaltung von „Mieze Undercover“ vermutlich Schlimmstes befürchten und es bedarf bei manchem Leser wohl großer Willenskraft, um sich vorurteilsfrei an die Lektüre des Buches zu machen. Es kann jedoch (zumindest teilweise) Entwarnung gegeben werden: Hauptfigur Mieze Moll entspricht trotz des albernen Namens nicht dem Klischee des dummen Blondchens, sondern ist eine weitestgehend gewöhnliche junge Mutter, die sich mit allzu nachvollziehbaren Problemen wie einem eher eintönigen Hausfrauen-Alltag, stressiger Kindererziehung und dem Wunsch nach Selbstverwirklichung konfrontiert sieht. Natürlich darf man ihre Beförderung von der Hausfrau zur Undercover-Ermittlerin nicht unter realistischen Gesichtspunkten betrachten, Miezes Einsatz als tanzende Spürnase ist aber durchaus unterhaltsam, wenngleich sich die Spannung über weite Strecken auf einem überschaubaren Niveau bewegt – zumindest wenn man sich als eingefleischter Krimi- und Thriller-Leser an diesen Roman wagt. „Handwerklich“ kann man Mina Teichert jedoch nicht viel vorwerfen: Sprachlich und stilistisch ist die Erzählung einwandfrei, der Fall ist schlüssig konstruiert mit einer sehr soliden Auflösung und die Hauptfigur ist sympathisch und zumeist frei von affektiertem Gehabe. Ob sich die Autorin mit der Katzenberger-Schirmherrschaft und dem damit fast zwangsläufig verbundenen Stempel als „Tussi-Thriller“ einen Gefallen hat sei dahingestellt – „Mieze Undercover“ ist jedenfalls bei weitem nicht so klischeebehaftet wie es die schrille Aufmachung vermuten lässt und zwar sicherlich nicht der Krimi, auf den das Genre noch gewartet hat, aber durchaus kurzweilig und amüsant.

Autorin: Mina Teichert | Umfang: 320 Seiten | Erscheinungsdatum: 3.11.2017
Verlag: Eden Books | Preis: Taschenbuch 12,95 €/eBook 8,99 €

Wie steht ihr zu humorigen Krimis –
amüsante Abwechslung im düsteren Genre oder überflüssiger Klamauk?

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