Schattenschrei_Rezi

Nach schwierigen und kräftezehrenden Ermittlungen steht Kommissarin Jeanette Kihlberg nun offenbar endlich vor der Auflösung der schockierenden Mordserie: Ihre neuen Erkenntnisse deuten stark darauf hin, dass zwei Frauen für die Verbrechen verantwortlich sind und auch wenn die beiden Tatverdächtigen unter noch nicht ganz geklärten Umständen zu Tode gekommen sind, so scheint der Fall abgeschlossen. Das erlaubt Jeanette, endlich auch der noch immer ungeklärten Mordserie an den getöteten ausländischen Jungen wieder verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen, denn hier tappt die Polizei noch immer völlig im Dunkeln. Viele Hinweise sprechen dafür, dass der zwielichtige Anwalt Viggo Dürer in die Todesfälle verwickelt ist, konkrete Beweise fehlen Kihlberg und ihren Kollegen jedoch nach wie vor. Den Ermittlern bleibt allerdings nicht viel Zeit, den Täter zur Strecke zu bringen, denn als ein junges Mädchen spurlos verschwindet, beginnt für Jeanette Kihlberg ein dramatischer Kampf gegen die Uhr…

Der Abschluss der Victoria-Bergman-Trilogie

Es kommt nicht besonders oft vor, dass alle drei Bücher einer Trilogie innerhalb von rund vier Monaten veröffentlicht werden, im Fall der Victoria-Bergman-Reihe des unter dem gemeinsamen Pseudonym Erik Axl Sund schreibenden Autorenduos Jerker Eriksson und Håkan Alexander Sundquist kann man dem Goldmann Verlag für die rasche Folge der Romane aber kaum dankbar genug sein. Das hängt zumindest in meinem Fall nur bedingt damit zusammen, dass die Vorgänger „Krähenmädchen“ und „Narbenkind“ so spannend gewesen wären, dass ich die Fortsetzung kaum hätte erwarten können; vielmehr ist die Geschichte nach den ersten knapp 1000 Seiten mittlerweile so kompliziert, dass man bei einem längeren Zeitraum zwischen den Erscheinungsterminen vermutlich völlig aufgeschmissen wäre und überhaupt nicht mehr den Überblick behalten würde. Gnädigerweise gibt es zu Beginn des Abschlussbandes „Schattenschrei“ aber immerhin eine kurze Aufarbeitung der bisherigen Ereignisse, die einem aber auch wirklich nur weiterhilft, wenn man die beiden ersten Bücher noch einigermaßen präsent hat – die Geschehnisse werden nämlich sehr schnell und oberflächlich zusammengefasst. Es gibt sicherlich unzählige Krimireihen, bei denen man ohne Probleme mitten in der Serie einsteigen kann, die Victoria-Bergman-Reihe zählt jedoch nicht dazu. Wer im Buchladen den dritten Band eher aus Versehen einpackt, kauft am besten direkt die beiden Vorgänger noch dazu oder gibt es direkt wieder zurück – nach Lektüre der gesamten Reihe würde ich ohnehin eher zu letzterem raten.

Es fehlt der komplexen Story weiterhin an der nötigen Struktur

Nachdem ich „Krähenmädchen“ und „Narbenkind“ schon teilweise sehr ermüdend und spannungsarm fand, habe ich es mir wirklich gut überlegt, ob ich mir das letzte Buch nun auch noch antun muss – nachdem ich aber schon so viel Energie und Zeit in die Reihe investiert hatte, wollte ich dann aber zumindest auch noch die Auflösung erfahren. Bis es jedoch so weit ist, muss man wieder einmal eine Menge Geduld mitbringen, denn die beiden Schweden bleiben ihrem Stil – den man gnädig als „nüchtern“ und „emotionslos“, realistisch aber vielleicht eher als „trocken“ und „langatmig“ bezeichnen könnte – treu und führen ihre Geschichte nach dem gewohnten Schema fort. Das bedeutet erneut unzählige Handlungsstränge, eine kaum noch überschaubare Anzahl von Haupt- und Nebenfiguren und eine oft so sprunghaft von Szene zu Szene wechselnde Story, dass schnell mal der Durchblick verloren geht. Dabei ist es nicht einmal so, dass die Handlung an sich sonderlich kompliziert wäre und deshalb schwer nachvollziehbar wäre, das Problem liegt einfach viel eher darin, dass es den Autoren ein weiteres Mal nicht gelungen ist, ihrer Geschichte eine sinnvolle Struktur zu verpassen. Völlig ohne Konzept springt der Fokus von einem Aspekt der Story zum nächsten und man weiß so nie genau, auf welchem Stand sich die Ermittlungen gerade befinden und welchen Spuren überhaupt nachgegangen wird. Wenn dann doch einmal ein paar Passagen zusammenpassen, so scheint dies eher dem Zufall geschuldet zu sein.

Enttäuschender Abschluss einer völlig überschätzten Krimireihe

Zudem wird die Handlung gerade im Schlussdrittel zusätzlich künstlich aufgeblasen. Warum man die ohnehin schon verworrene Story dann auch noch bis weit nach Osteuropa ausweiten und mit seltsamen Rückblicken bis in die Jahre des Zweiten Weltkrieges spicken muss, bleibt wohl ein Geheimnis der Autoren. Dazu kommt noch, dass die Geschichte wieder so sehr mit Missbrauch, Mord und ähnlichen Gräueltaten vollgepackt ist, dass man aufgrund der unzähligen tragischen Schicksale eher emotional abstumpft statt sich von den an sich sehr verstörenden Geschehnissen noch berühren zu lassen – wenn nämlich wirklich jede noch so unbedeutende Figur mit einem Gewalt-/Missbrauchshintergrund versehen wird, ist das einfach nur noch ermüdend und öde statt schockierend und traurig. Bei der finalen Auflösung ist es den beiden Schweden dann immerhin doch noch gelungen, ihre Leser zumindest in Teilen zu überraschen, wirklich zufriedenstellend fallen die abschließenden Erklärungen für mich aber dennoch nicht aus. Es bleiben einfach noch zu viele Fragen offen, sodass sich das Durchhalten letztlich aus meiner Sicht leider nicht gelohnt hat. Da hilft es auch wenig, dass Thomas M. Meinhardt als Sprecher der Hörbuchfassung einen soliden, wenn auch wieder einen etwas nüchternen Job macht. So bleibt es auch nach dem letzten Band der Victoria-Bergman-Reihe für mich völlig rätselhaft, wie man diese überwiegend zähe und langatmige Serie mit der grandiosen Millennium-Trilogie von Stieg Larsson vergleichen kann – denn diesen Vergleich verlieren Jerker Eriksson und Håkan Alexander Sundquist wirklich in jeder Hinsicht.

Schattenschrei
  • Autor:
  • Original Titel: Pythians anvisningar
  • Reihe: Victoria Bergman #3
  • Länge: 13 Std. 36 Min. (ungekürzt)
  • Verlag: Der Hörverlag
  • Erscheinungsdatum: 17. November 2014
  • Preis 10,95 € (9,95 € im Audible-Flexi-Abo)
Charaktere:
Story:
Atmosphäre:
Sprecher:
Gesamt:
6/10
Fazit:
Mit „Schattenschrei“ liefert das Autorenduo Eriksson/Sundquist einen erneut sehr zähen, wirren und langatmigen Abschluss ihrer Victoria-Bergman-Trilogie, dessen Auflösung zwar unerwartet, aber dennoch recht unbefriedigend ausfällt.

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